Stundenlang stand ich als kleiner Junge im Alter von zwölf Jahren auf der Kurpromenade vor Westerland und schaute fasziniert den Rettungsschwimmern beim Wellenreiten zu. 1966 hatten die Lifeguards bereits Bretter aus Biarritz und netterweise durften wir Jungsurfer, so wurden unsere Gruppe von fünf Jungs damals genannt, sie ab und zu ausleihen. Wir erledigten im Gegenzug kleinere Aufgaben wie Gäste bei beschränktem Badeverbot aus den Nachbarbuhnenfeldern heraushupen oder abends die Mietschaufeln einsammeln. Eine weitere Bedingung, die sie an uns stellten, war, dass wir nicht rauchen, sonst hätten wir keine Bretter bekommen. Nebenbei, ich rauche bis zum heutigen Tag nicht, wahrscheinlich aufgrund dieser unterschwelligen Angst, dann kein Board mehr zu bekommen.Mit ihren VW-Bussen waren die Sylter Surfer bereits in den sechziger Jahren auf den Kanarischen Inseln. Im Frühjahr kehrten die Zugvögel braungebrannt wieder nach Sylt zurück und erzählten uns kalkweißen Wellenbad-Bodysurfern Geschichten von den perfekten Wellen, wo „kein Tropfen Wasser am falschen Fleck“ war. 1970 ging für mich ein Traum in Erfüllung: Vier Wochen Gran Canaria und ich durfte mit Walter Viereck, von den Canarios mittlerweile „Don Quadrado” genannt, in dessen Bus wohnen. Es war das Jahr der Shortboardrevolution, die Longboards wurden abgelöst durch kürzere SingleFin Pintails und die ersten Leashes tauchten auf. Vorher war Surfen mehr Schwimmen als alles andere, nach jedem Wipeout musste man sein Board wieder einsammeln, Felsenufer waren absolut tabu. Walter hatte sich für die handfeste Lösung entschieden. Er nahm sein sechs Meter langes und bestimmt drei Zentimeter dickes Abschleppseil, bevor er sich mit seinem berüchtigten „Aganaga-Schrei” die Wellen von Maspalomas oder Arguinigen herunterstürzte. Andere benutzten Gummiseile, mit denen die Boards wie eine Rakete zurückgeschossen kamen. Ich bastelte mir mit Harpunengummi, in das ich eine dünne Nylonschnur einfädelte, eine gut funktionierende Leash. Gran Canaria
war damals noch nicht so stark bebaut. In Maspalomas am Leuchtturm gab es nur ein Hotel, in Arguinigen überwinterten ein paar Hippiesurfer in Plastikzelten. Es gab noch richtig originelle Tapa-Kneipen, in denen das Bier umgerechnet nur Pfennige kostete. Dazu die immer sonnig aufgelegten Canarios, die guten, konstanten Swells, das Klima – diese „Insel des ewigen Frühlings” gefiel mir schon sehr gut. Als auf Gran Canaria mit den Jahren stärker gebaut wurde und es für die Schwimmer mit ihren Bussen immer weniger gute Stellplätze gab, hielten sie nach Alternativen Ausschau. Wieder war es Don Quadrado und die Schwimmercrew, die Pionierarbeit leisteten, indem sie Fuerteventura erkundeten. Uwe Arndt vom damaligen „Haus am Watt” in Keitum gab mir mit seinen Schilderungen von unberührten Stränden, türkisem Wasser und der kontrastreichen Landschaft den Rest – da musste ich hin. Inzwischen waren wir mehrfach auf Hawaii gewesen. Uns gefiel es dort für eine Zeit lang auch gut, aber es war nicht das, was wir suchten.
Zusammen mit meiner Frau Ute und meinen Töchtern Bitsy und Sonni war es dann im Winter 1981/1982 soweit: Wir flogen das erste Mal nach Fuerteventura. Die Insel war kaum erschlossen. Uns verschlug es in den Norden der Insel. In dem kleinen Fischerdorf Corralejo gab es gerade mal eine asphaltierte Hauptstrasse, die Calle Principal. Alle anderen Straßen waren Schotterpisten, selbst die letzten 100 Kilometer in den Süden der Insel, nach Morro Jable, war aufgrund der unbefestigten Piste eine Tagesreise. Als Fortbewegungsmittel konnte man entweder einen Daihatsu Jeep mit ausgelatschten Federn oder einen schrottreifen Fiat Panda mieten. Aufgrund der Straßenbeschaffenheit erschien uns das teurere Allradfahrzeug sinnvoller und wir erkundeten damit die Strände im Norden. Einigermaßen bekannt war im Prinzip nur Cotillo. Wir benannten
den „Glass Beach” nach dem Haufen von Scherben am Strand. „Shooting Gallery” bekam seinen Namen aufgrund der leeren Patronenhülsen, die dort überall herumlagen. Die Surfer/Windsurfer waren damals die Majorero-Locals Sergio und Blas, der Belgier Leon hatte zwischen den Hotels „Oliva Beach” und „Tres Islas”, den Bausünden der sechziger Jahre, bereits eine Surfschule mit sehr relaxtem Ambiente eröffnet. Von Leon mieteten wir auch ein Apartment mit Basisausstattung am Strand. Einkaufen konnte man in den zwei „supermercados”, die nur ein kleines Warenangebot hatten. Der Überfluss wie zum Beispiel in den amerikanischen Supermarktketten auf Hawaii war hier nicht zu finden. Gab es Yoghurt, war es fast schon ein Feiertag für uns. Abends konnte man zwischen einer Hand voll Fischrestaurants wählen, in denen es keine deutsch- oder englischsprachige Speisekarten gab und man auf Spanisch bestellen musste. Die Welt war noch in Ordnung.
Vor allem die superbreiten, weißen Strände kombiniert mit dem türkisen Wasser hatten es meiner Familie und mir angetan – Fuerteventura war unsere Trauminsel. Wir hatten sehr gute Surf- und Windsurfbedingungen und flogen mit dem festen Wunsch, hier hin wieder zurückzukommen, nach Hause. Inzwischen war ich Windsurfprofi bei F2. Die Firma hatte ein Händlermeeting auf „heißen“ Tipp von Björn Schrader in Tunesien geplant. Parallel dazu sollte ein Werbefilm gedreht werden. Das Unternehmen endete jedoch in einer einzigen Katastrophe. Natürlich war kein Wind, es war saukalt und wir wohnten in einer Anlage an einem Nordhang, der den ganzen Tag den wärmenden Sonnenschein abschirmte. F2-Firmenchef Peter Brockhaus konnte sich im Krisenmanagement beweisen, die Stimmung unter den angereisten Händlern war bis aufs Äußerste gespannt. Das Essen war miserabel, einer biss sich im Speisesaal mit einem im undefinierbaren Reste-Couscous versteckten Korken einen Zahn aus. Es fehlte nicht viel zu einer Massenkeilerei. Zeit für uns, sich hier aus dem Staub zu machen. Ich schlug Peter vor, mit dem Kamerateam nach Fuerte zu fliegen, um den Film dort unter voraussichtlich besseren Bedingungen zu drehen. Fuerte sollte uns nicht enttäuschen, es gab Wind und Welle vom feinsten. Auf der Bootsmesse in Düsseldorf im Januar 1982 war der Film der Bringer, die Leute waren begeistert von „Europas Hawaii“. Auf der Messe war überall mein Konterfei auf riesengroßen Plakaten aufgehängt, sodass es mir schon peinlich war. „Das sieht ja hier aus wie bei Khomeni.“ Die Charchulla-Twins hatten doch immer den richtigen Kommentar zur richtigen Zeit parat.
Nach der Messe brach ein regelrechter Run auf Fuerte aus. Peter organisierte Händlerreisen dorthin, er plante zudem eine Profiworldcuptour und fragte mich nach den geeigneten Stationen. La Torche, Fuerte, Sylt, San Francisco, Hawaii nannte ich ihm. Beim Lauf auf Fuerteventura erwies sich der Wind als störrisch und es reichte nur zum Kursrennen. Genau einen Tag vor dem Wettbewerb waren allerdings Sideoffshore an der Shooting Gallery mit sauberen Wellen. Alles, was Rang und Namen hatte, ritt die masthohen Peaks: Robby Naish, Pete Cabrinha, Mike Eskimo, Phillip Pudenz, Kai Schnellbacher, Charly Messmer … Allerdings war es das dann auch. Der Rest der Zeit konnte nur zum Surfen ohne Segel genutzt werden. Der fehlende Wind brachte Fuerte den Namen „Flauteventura” ein. Zu meiner Erleichterung war das Gleichgewicht wieder hergestellt, indem die anfängliche Begeisterung für Fuerte abebbte, sodass wir wieder unsere Ruhe hatten. Ich konnte während unserer Langzeitaufenthalte wieder allein surfen, was allerdings fast ein bisschen langweilig wurde oder bei Monster-Bedingungen beängstigend war.
Es gab eine kleine internationale Gruppe, die sich nach und nach auf der Insel ansiedelte: Uli Cop, Morten, Gecko, Marco, Michel, Gerry, Mark, Mauro und Toto vom „Noworkteam“, Stefan und Adi von „SurfLife“, Mauro 2, der viele Spots mitentdeckte. Unser Freund, der Fotograf Charly Lang, hat bestimmt das größte Fuerteventura-Bilder-Archiv und war bei guten Bedingungen meist mit seiner Kamera dabei. Bei uns war es dann 1986 soweit. Ich hatte vom Worldcup und der vielen Reiserei mit 300 Kilogramm Windsurfgepäck rund um den Erdball die Schnauze voll. Meistens saß ich, alle Riggs aufgebaut, auf irgendeiner Veranstaltung. Nur fehlte sehr oft ein kleines Detail: der Wind, was auf Dauer doch sehr unbefriedigend war und als Ersatzprogramm immer nur Tauziehen mit der Regattaleitung – das konnte es doch nicht gewesen sein. Entscheidungen standen an. Obwohl ich immer noch vorne mitfuhr, kündigte ich meinen noch mehrere Jahre gültigen Profivertrag auf und wandelte ihn in einen Beratervertrag um.
Mein Geschäftspartner auf Sylt, Thomas Herz (Surf Line Sylt), wollte nach Teneriffa ziehen. Die Entscheidung, das Geschäft weiterführen zu wollen, hätte bedeutet, in der Hauptsaison im Sommer voll zu arbeiten, die langen Ferien der Kinder nicht zum Reisen nutzen zu können und im Winter, der geschäftlich flauen Jahreszeit, mit den wenigen Ferientagen der Kinder nichts anfangen zu wissen. So fiel unser Entschluss, erstmal nach Fuerte zu gehen. Surfbares Klima, auch im Winter, und dazu fast vier Monate Sommer-Schulferien für die Mädchen. Wir verkauften unsere Surfschule am Brandenburger Strand, den Surf Shop Sylt inklusive Custom-made-Werkstatt und Segelmacherei. Unser Toyota Landcruiser wurde mit dem Nötigsten beladen, darunter schwere Hanteln, ein besonders sperriger Bauchtrainer, Schreibmaschine, Diaprojektor, Kinderspielzeug und was man noch so alles braucht auf einer einsamen Wüsteninsel. Natürlich durfte das ganze Surfgerödel nicht fehlen. Der Landcruiser war bis zum Anschlag beladen. Unser Haus in Westerland wurde verpachtet. Wir wollten ja nicht aussteigen, uns gefiel es auf Sylt nach wie vor super, wenn da nicht der lange Winter gewesen wäre. Der Abschied fiel uns nicht schwer, denn er kam uns wie eine etwas längere Reise vor. Auf Fuerte bot mir unser Freund Ulli Cop eine Teilhaberschaft für mehrere Windsurfschulen an. Sehr schnell merkte ich allerdings, dass mir etwas fehlte. Ich brauchte eine handwerkliche Betätigung. Was lag da näher, als wieder mit dem Bretterbauen anzufangen. In Californien (Hawaii) und auch auf Sylt hatte ich von den damals bekanntesten Shapern wie Dick Brewer, John Hall, Peter Trombly, Tim Hupe, Harrold Iggy viel zu dem Thema gelernt. Den F2 Strato hatte ich selbst geshaped, Boards wie der Comet, Sunset, Starlit, Bullit, Point Rainbow waren von mir designt worden. Nun juckte es mich wieder in den Fingern: In Lajares fanden wir ein großes Haus, direkt an der Hauptstrasse. Eigentlich viel zu groß für eine Werkstatt, aber die Immobilie war günstig zu kaufen. Ich verbrachte Monate, nur um alles perfekt einzurichten. Das sollte kein „Chaoten-Schuppen” werden, sondern ein Hightech-Labor wie die Formel-1-Werkstätten, in denen man „vom Boden essen kann”. Glaubt einer nun, einzig und allein ein bekannter Name würde schon ausreichen, um Boards zu verkaufen, der irrt gewaltig. Ich musste bei Null anfangen und die Leute durch handwerkliche Qualität überzeugen. Nach und nach fingen die Locals an, sich Surfboards und Windsurfboards bei mir zu bestellen. Auf Fuerte gab es unter den Majoreros nur eine Hand voll Surfer, die dann die Werkstatt auscheckten und die Boards probierten.Wir lernten die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Einheimischen kennen, die uns oft zu großen Familienfesten einluden. Meist gab es Ziege aus dem Ofen, davor Gazpacho, eine typische Gemüsesuppe. Ab und zu schenkten sie uns Fisch, Thunfisch (Atún) oder Papageienfisch (Vieja). Wir gingen auch selbst viel angeln. Manchmal warf Ute vor dem Haus die Angel aus, wenn wir abends Gäste eingeladen hatten. Ein Majoreo nahm mich einmal mit zum Harpunieren. Das war nun gar nicht meine Welt, zudem ich es vorher noch nie gemacht hatte. Er rüstete mich mit Taucherbrille und Schnorchel aus, dazu bekam einen dicken Bleigürtel und auf gings. Allerdings schluckte ich durch das aufgewühlte Meer reichlich Salzwasser, zu viel Ballast zog mich nach unten und mir wurde so schlecht, dass ich mich durch den Schnorchel übergab. Dazu drückte mir der Bursche immer seine geschossenen Fische, die er durch die Augen gepiekst auf einen Ring zog, in die Hand. Für mich war an Harpunieren nicht zu denken. Ich schwamm durch die Brandung zum Ufer zurück, kroch an Land wie Robinson Crusoe. Der Typ hatte sich noch einen zweiten Härtetest ausgedacht, wenngleich dieser eigentlich eine Ehre für mich bedeutete. Er wollte mir den „Ultrasecreto Spot“ auf einer kleinen, vorgelagerten Insel zeigen. Dieses Geheimnis war mir aber bis dahin verborgen geblieben. Mit einem kleinen Fischerboot fuhren wir in eine Bucht, von wo aus es barfuß meilenweit über spitzen Lavastein ging, bis wir an die besagte Welle kamen. Dann mussten meine vom feinen Syltsand verwöhnten Füße noch über mit Seeigeln bestücktes Ufer einsteigen. Im Nachhinein betrachtet hätten wir direkt am Spot ankern können … Meine „Rache” hatte ich an einem Tag, an dem mein Expeditionskumpel als Windsurflehrer direkt vor unserem Haus mit einer Gruppe von zehn Anfängern unterwegs war. Er mit Jeansjacke bekleidet, Zigarette im Mundwinkel, im Schlauchboot sitzend, seine Herde von Anfängern mit ihren kleinen Segeln umkreisend. Einmal hat er zu viel Gas gegeben, denn das Boot warf ihn plötzlich in wilder Rodeomanier ins Wasser. Das ergab nun folgendes kurioses Bild: Er, mit nasser Jeansjacke und abgeknickter Zigarette, und eine verschreckte Gruppe auf den Brettern sitzend, werden von einem relativ schnell gleitenden, leeren Schlauchboot umzingelt. Wir lagen auf unserer Terrasse flach vor Lachen. Dann startete er einen zaghaften Versuch, ein Board als eine Art Bremsklotz zu benutzen. Nach einer halben Stunde hatte er es irgendwie geschafft. Rein ins Boot, Vollgas und die kleine arme Welle, die ahnungslos am Ende der Bucht dahinschlapperte, musste dran glauben und wurde bis zum letzten harten Turn auseinander gerippt. Man darf seine Autorität gegenüber den Schülern schließlich nicht verlieren.
Ähnliches war mir selbst einmal passiert, als ich einige Jahre zuvor zu dieser besagten perfekten Rechtswelle auf die geheime Insel wollte. Ich hatte nur einen Außenborder, Boote waren Mangelware und von unserem Haus über die Steine ins Meer zu schwer zu bewegen. So musste ein F2 Lightning-Windsurfboard daran glauben, es wurde abgesägt und eine Holzplatte als Spiegel für den Motor angeglasst. Die erste Testfahrt endete im Fiasko: Das Brett hatte keine gute Gleitlage, guckte vorn einen Meter aus dem Wasser und saugte sich hinten fest. Als alter Surfer wusste ich natürlich: An die Spitze robben und die Nase belasten. Tatsächlich legte das Teil die Ohren an und ging ab wie Schmidts Katze: Mit bestimmt 80 km/h donnerte ich durch die Bucht von Corralejo, durchs Kappelwasser kräftig durchgeschüttelt und mich krampfhaft an den Rails festhaltend. Umdrehen, um den festgestellten Gashebel zu entriegeln, war einfach nicht drin. So zog ich zur allgemeinen Belustigung meine Runden und wäre der Sprit nicht irgendwann ausgegangen, würde ich wahrscheinlich noch immer die Bucht flitzen. Mit einem aus zwei ausrangierten Windsurfboards konstruierten Katamaran hatte ich dann mehr Glück. Das war das perfekte Transportmittel für meine Surftrips und ich hatte dadurch Hunderte Tagen perfekte Wellen, nur ich und der für meine Gesellschaft Auserwählte. Manchmal war ich auch ganz allein, heute unvorstellbar.
Bretter für solche Zwecke waren damals keine Mangelware, denn F2 richtete ein Test- und Entwicklungscenter ein. Dazu wurde ohne behördliche Genehmigungen ein Privathaus angemietet, mit Shapewerkstatt und Segelmacherei versehen. Dann schaffte man 40 komplette Testboards illegal ins Land. Segelmacher Reinhard Pascher und Hawaii-Shaper Brian Hinde ließen die Nähmaschine rattern beziehungsweise den Elektrohobel aufheulen. Das ging eine überraschend lange Zeit gut, bis eines Tages ein dunkler Typ mit schwarzer Lederjacke, Porsche-Brille und Lederhandschuhen vor der Tür stand. Er wollte sich die Hände nicht schmutzig machen, wenn er eine „dumme“ Frage von einem F2-Mitarbeiter mit einem Schlag ins Gesicht so „kräftig beantwortete“, dass der Betroffene, auf dem Rücken liegend, über den Kachelboden wegschlitterte. Natürlich wollte auch keiner mit ihm diskutieren, schon gar nicht angesichts der schwer bewaffneten Uniformierten im Hintergrund. Es waren die letzten Überbleibsel des Francoregimes. Der Laden wurde dicht gemacht, das Material konfisziert.
Ein anderes Mal gab der Dorfpolizist einen Warnschuss ab, als ein Italiener in der kleinen Corralejo-Bucht durch den Badestrand windsurfte. Ja, die Zeiten waren damals hart an der Küste. Diese Autorität hätte ich mir als Rettungsschwimmer an der Buhne 16 in Kampen auch gewünscht. Dafür gab es zu dieser Zeit kaum Diebstähle im Gegensatz zu heute, wo zahlreiche Mietwagen aufgeknackt werden. 1998 eröffneten wir unseren Shop in Lajares. Das Board-Geschäft lief sehr gut und was lag näher als auch eine gute Ausstellungsfläche zu schaffen und das ganz bewusst nicht im Touricenter Corralejo. In Lajares sondierte sich die Spreu vom Weizen, wir wollten den Shop für Surfer und Windsurfer und eine individuelle Beratung. Ute und Sonni macht die Arbeit im Shop sehr viel Freude. Surfer haben immer viel von ihren Reiseabenteuern zu erzählen und es wird nie langweilig. Heute haben wir fast immer einen Stock von 100 Surfboards, eine eigene Klamottenlinie und führen auch sämtliche Hardware, die zum Windsurfen und Surfen gebraucht wird. Wir haben relativ kurze Öffnungszeiten, um noch genug Zeit für unsere eigenen, fast täglichen Surfsessions zu haben. Da wir das Glück haben, direkt am Meer zu wohnen, merke ich meist nachts schon an den Wellengeräuschen, wo wir am nächsten Tag surfen können. Mittlerweile habe ich in meinen Töchtern gute Surfkumpels. Bitsy, 26, Sonni, 23, und Janni, 14, sind alle gute Surferinnen. Die beiden Älteren waren sogar Rettungsschwimmerinnen an „meinem alten Strand”, der Buhne 16 in Kampen. Heute, nach zig Brettern, gehe ich immer noch gern in meinen Shaperaum. In einem Garten mit viel Grün und Blumen habe ich meine Werkstatt installiert. Im Gegensatz zu früher schaltet sich bei mir heute der „Autopilot” ein. Ich muss nicht mehr großartig nachdenken, wie ich zu der Endform gelange. Hast du genug Erfahrung nach Jahrzehnten im Shaperaum, verbindest du fast schon instinktiv die richtigen Komponenten, um zum „magischen” Board zu gelangen. Ich klebe die Sandwichplatten noch unter Vakuum auf und mache später meist ein Airbrushdesign, Lamination und Lackierung überlasse ich meinem Mitarbeiter Jens.
In der isolierten Abgeschiedenheit der Shapekabine bleibt dir auch jede Menge Zeit für Gedanken. Es ist viel geschehen auf Fuerte Nord. Überall werden Wohnanlagen aus dem Boden gestampft. Warum bleibt man damit nicht im Zentrum? Auch wenn alles flach gehalten und relativ schön angelegt wird, es zerstört doch ein Kapital der Insel, nämlich die unberührte Wüstenlandschaft. Natürlich ist es auch auf dem Wasser voller geworden: Festlandspanier und Südamerikaner sind in Massen gekommen. Surfer aus allen Teilen Europas runden das Bild ab. Manchmal fehlt der Respekt untereinander, die Stimmung ist aggressiver geworden. Es gibt unendlich viele Surfschulen, die die Mengen an die Strände karren. Erfahrene, alteingesessene Schulen weichen sinnvoller Weise auf Strände aus, die weniger frequentiert werden. Andere wiederum schicken ihre Leute mit den BICs tatsächlich in die Peaks, die eigentlich den erfahrenen Surfern vorbehalten sein sollten. Die Surfanfänger beherrschen ihr Material nicht, fahren sich und andere über den Haufen ohne jede Kenntnis von Verhaltensregeln. Mit der Anzahl der Surfer und Windsurfer steigt natürlich auch der Umfang der lokalen Surfindustrie. Wir haben jetzt unseren eigenen Surfclub, „Mar Azul”, in dem mich die Locals zum Vizepräsidenten ernannt haben. Ab und zu richten wir kleinere, lokale Contests aus.
Zumindest haben wir Surfer jetzt eine Lobby und können versuchen, bei eventuellen Baumaßnahmen am Strand Schlimmeres abzuwehren. Große kommerzielle Wettbewerbe sind nicht besonders erwünscht. Vielleicht ein wirklich großer, damit die Gemeinde glücklich ist, dann soll aber für den Rest des Jahres möglichst Ruhe sein. Das Problem ist, wie negative Beispiele in Biarritz, Portugal oder auf Hawaii zeigen, dass man die Anzahl der Contests kaum kontrollieren kann. Jedes Wochenende ist irgendeine Werbeveranstaltung, die bezahlten Pros zeigen ihr Können. Der Endverbraucher, also der normale Surfer, kann die Produkte entsprechender Firmen konsumieren. Selbst surfen ist nicht erwünscht, dafür sorgen schon die bezahlten Security-Guards, die das Wasser „sauber” halten. Da bleibt vielleicht noch ein bisschen Johlen, wenn ein mit Aufklebern behängter Pro durch die Tube brettert. Relaxtes Surfambiente wird dadurch zerstört.
Wenn sich auch vieles verändert hat, leben wir immer noch sehr gern auf Fuerteventura. Unsere jetzigen Nachbarn sind auf linker Seite Oskar, den wir schon ewig kennen und der eines der ersten Restaurants hatte, genauso wie Wasi vom ersten Supermarkt, die zu unserer Rechten wohnt. Durch sie werden wir täglich an das „alte” Corralejo erinnert. Auch der Sylter Don Quadrado verbringt einen Teil des Jahres in Lajares, der Kreis schließt sich wieder.
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