„Ein mörderischer Verrückter entfacht eine Meuterei auf einem Walfänger, weil er ein Königreich auf den Kapverden aufbauen will. Mithilfe eines Beils metzelt er erst den Kapitän und dann mehrere Matrosen nieder.“ Was sich so ähnlich wie der Beginn zum Drehbuch der Fortsetzung des legendären Streifens „Meuterei auf der Bounty“ anhört, kann man vielleicht auch auf den Wave-Weltmeister des Jahres 2003, Josh Angulo, beziehen. Er hat zwar weder jemanden niedergemetzelt, noch kam er mit einem Walfänger auf die Kapverden, noch ist er ein mörderischer Verrückter, aber er ist immerhin dabei, sein eigenes Königreich auf Sal aufzubauen. Eine der cleansten Wellen der Welt (Punta Preta), gute Windsurfbedingungen, boomender Tourismus und vielleicht auch die nicht ganz unwesentliche Tatsache, dass seine Frau Kapverdierin ist, zogen ihn auf den seit 1975 selbstständigen Inselstaat.
Und auch uns locken die Berichte, Fotos und Erzählungen über das „Paradies der Wassersportler“ Anfang des Jahres 2005 gen Süden. Mitte Januar machen wir uns auf den Weg. Wir, das sind Lars als Fotograf, Michi und Alexander als Windsurfer und uns Kalle als Maskottchen. Die Reise beginnt in München, von wo aus wir mit der Fluglinie TACV innerhalb von sechs Stunden direkt nach Sal fliegen. Beim Betreten des Flugzeuges wird die Herkunft der kapverdischen Fluggesellschaft deutlich. Man hat es sich erfolgreich zum Ziel gemacht, den heimischen „Way of Life“ schon während des Fluges den Gästen näher zu bringen. Verschiedene Farbgestaltungen schmücken jeden Sitz in ganz individueller Art und Weise und die Flugbegleiterinnen schlendern mit der ganz typischen Gelassenheit durch die Gänge. Stress mag nie so richtig aufkommen, was uns aber eher positiv auffällt. Unsicher fühlt man sich in der Maschine jedenfalls nicht und das ist die Hauptsache.
Wir landen gegen 14:00 Uhr auf dem sympathischen Flughafen von Sal, wogegen der Freizeit-Flughafen von Wanne Eikel wie ein „International Airport“ wirkt. Eigentlich sollte unsere Reise mit einem Anschlussflug nach Boa Vista weitergehen, wo die ITOMA schon auf uns wartete. Nur leider war der Transport unseres 140 Kilogramm schweren Windsurfequipments mit der kleinen Inlandsmaschine unmöglich. Unser Tipp für dich an dieser Stelle: Pack lieber mehrere ganz kleine Bags anstatt drei, vier Tripple-Boardbags! Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass du mitgenommen wirst, größer! Eine Garantie gibt es jedoch nicht. Zum Glück bieten sich noch andere Möglichkeiten an, von Sal nach Boa Vista zu kommen. Dazu kommen wir aber später. Also Planänderung: Wir stopfen unser Equipment in vier Taxen und fahren nach Santa Maria, der touristischen „Hochburg“ der Insel. Unser Hotel, das Leme Bedge, ist schnell gefunden und liegt direkt am Meer mit angegliedertem Planet Windsurf Pool. Was für ein Glück: Wir kommen pünktlich zur Happy Hour und der Abend beginnt mit leckerem Caipirinha am Strand mit Blick auf die Bucht von Santa Maria, wo die Alexander von Humbold, besser bekannt als das „Becks-Schiff“, gerade vor Anker gegangen ist.
Die nächsten sieben Tage lernen wir Sal besser kennen. Unser Offroader bringt uns auch abseits der Pisten sicher um die Insel. Ein 4-Wheel-Drive ist absolute Pflicht, wenn man auch abseits der geteerten Straße vorankommen möchte und von denen gibt es auf Sal nicht sonderlich viele.
Am dritten Tag unserer Reise erleben wir ein Wunder der Natur: Es regnet und seit Beginn der Wetteraufzeichnungen auf den Kapverden soll es auf Sal im Januar noch nie einen Tropfen gegeben haben. Macht nichts, denken wir und fühlen uns bei 17 Grad Lufttemperatur und sechs bis sieben Beaufort bei Nieselregen unheimlich heimisch. Doch schon am nächsten Tag hat das Wetter zu seiner Normalform zurückgefunden und wir mischen uns bei guten vier Windstärken am Kitebeach ins Geschehen. Der Kitebeach ist etwa 15 Autominuten von Santa Maria entfernt und ist, wie der Name schon vermuten lässt, Treffpunkt der Kiter. Der Boden im Wasser ist sandig. Und auch wenn dicht unter der Sandschicht ein Riff liegt, ist der Spot ungefährlich, da das Riff keine scharfen Kanten aufweist – jedenfalls nicht dort, wo wir draußen waren …
Abends bekommen wir noch einen Eindruck von Punta Preta, dem legendären Wavespot genau auf der anderen Seite der Insel. Die Wellen müssen dort mindestens zwei bis drei Meter hoch sein, damit sie weit genug weg vom Land brechen. Und dann ist der Spot wirklich eine Macht. Eine schnelle Right zieht sich in die kleine Bucht hinein und schiebt den schräg ablandigen Wind vor sich her. Aber man muss schon ehrlicherweise sagen, dass dieser Spot nur was für Experten ist. Der Wind ist nämlich nicht sonderlich stark und, da er über Land kommt, auch recht böig. Die Windsurfer haben es da schwerer als die Kiter, weil sie eher rausdümpeln müssen, während die Kiter den regelmäßigeren Wind in 20 Meter Höhe nutzen können. Und ohne richtig Druck im Segel auf ein Set zu warten und dabei auch noch die richtige Position zu haben, ist schon ziemlich heikel. Wenn man es dann geschafft hat, auf die Welle zu kommen, hat man plötzlich so viel Druck im Segel, dass man sich einen Quadratmeter weniger Tuch in der Hand wünscht. Trotzdem ist das Spektakel schön anzusehen und so ist es nicht unüblich, dass an einem guten Tag über 100 Zuschauer am Strand die Aktiven bewundern.
Wenn der Spot läuft, gibt es etwas nördlicher in Calheta Funda eine gute Ausweichmöglichkeit. Hier kommt der Wind sideshore von rechts und die Wellen sind nicht ganz so groß und kräftig. Der Name ist ausgeschildert, obwohl es sich nur um einen kleinen Strand handelt.
Am nächsten Tag macht der Wind eine Pause und wir haben das Glück, von Carlos Enrique Santos, dem Manager von Planeta Cabo Verde und vom Hotel Leme Bedge, den kulturellen Hintergrund der Inseln zu erfahren.
Die Kapverdischen Inseln mit ihren 400.000 Einwohnern sind ein Archipel vulkanischen Ursprungs und bestehen aus neun bewohnten und sechs unbewohnten Inseln. Die gesamte Landfläche beträgt 4033 Quadratkilometer und ist damit kleiner als das Ruhrgebiet. Die Inseln liegen 550 Kilometer vor der Küste Senegals (westlich von Afrika), auf halbem Seeweg von Portugal nach Brasilien. Seit der Unabhängigkeit von Portugal 1975 ist die República de Cabo Verde ein eigenständiges Land. Hufeisenförmig liegen die Inseln im Atlantik und im ständig blasenden Nordostpassat. Die oberen Inseln (bis Boa Vista) gehören zur Barlavento-Gruppe (über dem Wind), die restlichen vier zur Sotavento-Gruppe (unter dem Wind).
Ilha do Sal ist die flachste der Barlovento Inseln von Kapverden. Ihre höchste Erhebung ist der Monte Gordo und liegt nur 400 Meter über dem Meeresspiegel. 11.000 Menschen leben auf Sal und diese Anzahl steigt unablässig infolge ihrer ständigen Entwicklung und dank neuer Arbeitsmöglichkeiten. Die meisten Bewohner von Sal leben in Espargos, der Hauptstadt, die in der Mitte der Insel liegt und nur wenige Kilometer vom internationalen Flughafen A. Cabral entfernt ist. Innerhalb eines Tages kann man die Insel und die wenigen Sehenswürdigkeiten mit einem Auto gut erkunden. Ein geländegängiger Wagen ist dabei von großem Vorteil.
Bedingt durch die „salzige Geschichte“ von Sal bietet sich vor allem der Besuch der Salinas bei Pedra Lume an. Die Bucht von Santa Maria, etwa 18 Kilometer von Espargos entfernt, ist das touristische Dörfchen auf der südlichen Küste. Santa Maria ist während der letzten zehn Jahre als ein interessantes touristisches Ziel wiederentdeckt worden. Dies hat folglich zu einer großen Entwicklung im Hotelgewerbe geführt. Heute liegen an der Küste tatsächlich mehrere Hotels und touristische Einrichtungen mit allen Bequemlichkeiten und vielen Angeboten rund um den Wassersport. Die Surfszene und die größten Ferienanlagen befinden sich am weißen Sandstrand von Santa Maria.
Auch kulinarisch ist die Insel vom Angebot des Meeres geprägt. Das wohl traditionellste Gericht der Insel sind gekochte Schalentiere mit einer Reisbeilage und wird in allen Restaurants angeboten. Und das probieren wir am gleichen Abend auch noch aus, um uns für unseren Trip nach Boa Vista am nächsten Morgen zu stärken.
Da uns der Flieger ja nicht mitnehmen wollte, heuern wir als Leichtmatrosen auf der Estrela Nova an! Das etwas in die Jahre gekommene Schiff dient heute als Transportfahrzeug für den Warenaustausch zwischen den Inseln und befördert für 35 Euro auch Menschen. Kalle finanziert seine Überfahrt natürlich selbst, indem er mit einer Zahnbürste das Deck schruppt. Die Überfahrt dauert etwa dreieinhalb Stunden und ist wesentlich entspannter, als in einem engen Flugzeug zu sitzen.
Die Insel Boa Vista ist die östlichste der Kapverdischen Inseln und wurde 1456 von Kapitän Cadamosta entdeckt. Die Insel hat eine Größe von 620 Quadratkilometern und wartet mit 55 Kilometer weißen Sandstränden und smaragdgrünem Wasser auf. Das Sensationelle an den Stränden ist, dass man wirklich für Stunden keine Menschenseele trifft, wenn man es nicht möchte. Wenn man einen guten Strand gefunden hat, kann man einen Kilometer nach Norden und einen Kilometer nach Süden sehen. Nichts als weißer Strandsand. Michi nimmt die Gelegenheit natürlich war, um seiner gewohnten FKK-Neigung nachzugehen.
Insgesamt leben 3.353 Menschen auf der kleinen Insel. Deren Bezeichnung Boa Vista („schöne Aussicht“) beruht auf einer Legende, nach der ein Seemann vom Ausguck des Segelmastes statt dem traditionellen „jerra a vista“ (Land in Sicht) die Insel mit dem Freudenschrei „Capitano, boa vista“ ankündigte. Wäre die Insel 500 Jahre später von den Windsurfern entdeckt worden, hätten sie ihr sicherlich keinen anderen Namen gegeben.
Die eigentliche Besiedlung fand erst ab 1620 statt, als die erste Ortschaft Povocao do Velha entstand und eine Gruppe von Engländern mit der Salzgewinnung begann. Das bedeutete eine entscheidende Verbesserung der Inselwirtschaft und zog andere Kunsthandwerksindustrien, wie die Tuchherstellung und die Keramikfabrikation, nach sich. Ab diesem Zeitpunkt blühte die Insel stark auf und wurde zu einem wichtigen kulturellen Zentrum des Archipels. Kurze Zeit später entdeckten Piraten, angezogen von den dort hergestellten Waren, die Inseln. 1815 und 1817 wurde die Insel geplündert, was den Bau der Festung „Duque de Braganca“ auf dem Eiland Sal-Rei zur Folge hatte – heute eine der Hauptattraktionen auf den Kapverden für Touristen. Doch auch kulturell hat Boa Vista mehr als die anderen Inseln zu bieten, denn Boa Vista wird nicht nur als die Wiege der „Morna“ (der Name kommt aus dem Englischen „to mourn“, was „weinen“, „beklagen“ bedeutet), der eigentlichen Musik von Cabo Verde betrachtet. In den Werkstätten und Geschäften der Insel kann man auch Stickereien, Tonpuppen, Strohhüte und verschiedene Artikel, die aus Horn- und Kokosnussschalen gemacht werden, finden.
Das kleine Fischerdörfchen Sal Rei mit seinem großen Marktplatz und der mächtigen Kirche „Sao Isabel“ liegt im Nordwesten der Insel an einer herrlichen Sandbucht. Eine Hand voll Tavernen, eine Surfer-Bar, eine für den Ort sehr große und fortschrittliche Bank, eine Arztpraxis und ein paar Läden bilden das kulturelle Zentrum von Boa Vista. Hier werden Langusten und Thunfische noch fangfrisch aufgetischt. Von den Stränden, die die ganze Insel umgeben, hebt sich Currolinho hervor, der beste Strand von ganz Kap Verde, der durch seine Ähnlichkeit mit dem Strand gleichen Namens in den Vereinigten Staaten von Amerika auch bekannt ist als „Santa Monica“. Massentourismus, Stress und Hektik gibt es auf Boa Vista nicht.
Während unseres Aufenthaltes auf Boa Vista ist uns der Windgott leider nicht wohl gesonnen. Und so entspannen wir einfach und genießen die absolute Ruhe auf dieser Insel. Und genau darüber sollte man sich auch im Klaren sein, wenn man sich dazu entschließt, Boa Vista zu besuchen. Partys, Action oder was sich sonst noch so alles auf Inseln wie Mallorca findet, gibt es auf Boa Vista nicht. Wir haben das aber als super angenehm empfunden und setzen nach vier super entspannten Tagen wieder nach Sal über.
Auf Sal verbringen wir noch ein, zwei Tage direkt an der Surfstation von Planet Windsurfing am Strand des Hotels Leme Bedge bei typischen Bedingungen – flaches Wasser, Sonne, vier bis fünf Windstärken. Ein ideales Revier für Freerider und Freestyler.
Unser Trip nähert sich dem Ende und so ist es an der Zeit, ein Resümee zu ziehen. Die Kapverdischen Inseln Sal und Boa Vista sind hübsche, kleine Inseln, die noch weitestgehend vom Massentourismus verschont geblieben sind. Vor allem Boa Vista ist noch mal um einiges ruhiger als Sal. Der Wind weht nie sehr stark, dafür in der Regel beständig, was die Inseln zu einem guten Revier für 95 Prozent der deutschen Windsurfer und Kiter macht. Wer also einfach entspannen möchte und ein Revier sucht, bei dem er fast jeden Tag aufs Wasser kommt, ist mit einer der beiden Inseln bestens bedient.
Nähere Infos bekommst du unter www.sportreisen.de.
Boa vista Spotübersicht:
Die besten Monate sind November bis April. Dann weht der Nordostpassat häufig mit vier bis maximal fünf Beaufort.
Windsurfen und Kiten: Praha do Estoril
Spots:
- Stino:
Hier weht der Wind side offshore von rechts. Es ist ein Flachwasserrevier mit Stehbereich und eher böigem Wind. Gut zum Freestylen!
- Funana:
Der Wavespot funktioniert am besten bei Nordwest-Swell, insofern dieser da ist. Die Welle bricht ab zwei Metern und kann bis zu fünf Metern hoch werden.
- Turtle Bay:
Beliebter Freeridespot, bei Swell auch lange Wellen möglich! Im Vergleich zu Stino gibt es mehr Wind, der auch konstanter ist.
Wellenreiten: Praha Cabral und Riu d’ Janeiro mit Rights und Lefts bei Nordswell. Wellenreiten geht auch in der Turtle Bay bei hohem Swell, in Ervatao und an vielen anderen Stränden wie zum Beispiel in St. Monica, Cural Velho und Ervatao.



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