Lange Zeit war es sehr ruhig um den deutschen Ausnahmewindsurfer. Seit Ende des letzten Jahres greift er jedoch wieder an und nimmt an diversen Wettkämpfen teil. Seinen ersten nach langer Zeit, den Soulwave im vergangenen Jahr in Dänemark, gewann er gleich (in der Kategorie Windsurfen). Wir sprachen mit ihm über seine Auszeit und seine Pläne für die Zukunft.
Interview Andy Wolff
FM: Ich dachte schon, du hättest keine Lust, mit dem Free-Magazin zusammenzuarbeiten!
AW: Wie kommst du denn darauf? FM: Na, weil du dich nicht gemeldet hast!
AW: Ich hatte einfach viel um die Ohren, weil ich zum Studieren in die USA gehe.
FM: In der letzten Zeit ist es ja ziemlich ruhig um dich geworden. Das letzte Mal habe ich dich beim Soulwave in Klitmöller gesehen.
AW: Nach sechs Jahren Nonstop-Windsurfen auf einsamen Inseln hatte ich das Bedürfnis, mich in die Zivilisation zurückzuziehen.
FM: Das hört man von den Windsurfern und Surfern sonst eher umgekehrt! Denen reichen doch in der Regel Wind und Wellen an einsamen Stränden zum Glücklichsein.
AW: Mir fehlte das kulturelle Leben. Nur Windsurfen zu gehen, kann dich voll und ganz erfüllen. Aber in meinem Inneren schrie auf einmal jemand nach Stadtleben. Ich wollte Filme sehen, Musik hören, mich in Menschenmassen drängeln. Lärm, Armut, Reichtum, Autos, Stress, Gangster und Zuhälter im Rotlichtviertel, kurdische Flüchtlinge, die auf einer Couch bei uns im Hof in Paris schlafen und brave Studenten, die sich an der Sorbonne rumtreiben und schlaue Dinge erzählen – all das wollte ich intensiv erleben, will es immer noch und kann gar nicht genug davon kriegen.
FM: Heißt das, man verblödet, wenn man zu lange unterwegs ist?
AW: Nein, überhaupt nicht, weil es auch von einem selbst abhängt. Wenn man neugierig ist, verblödet man nicht. Ich hab irgendwann gemerkt, dass meine Neugierde auf Strände und Wellen ein wenig abnahm. Auf Dauer brauche ich die Stadt, um glücklich zu sein, weil ich in ihr aufgewachsen bin. Ich kann mir sehr gut vorstellen, Wochen in einer Wüste zu verbringen und täglich immer wieder neue, unglaubliche Dinge zu sehen. Momentan habe ich allerdings eine Art Wissensdurst, den nur die Stadt stillen kann.
FM: Wie lange warst du auf Tour?
AW: Ich bin mit 17 nach Hawaii gegangen, war dort für vier Monate auf einer Highschool und habe jede freie Minute in Hookipa verbracht. Dann bin ich zurückgekommen, habe mein Abi gemacht und war sechs Jahre nur windsurfen – Worldcups, trainieren, Fotoshoots, Reisegeschichten für die Magazine. Ich war eigentlich nonstop unterwegs. Plötzlich hatte ich genug davon. Seit knapp fünf Jahre interessiere ich mich für den Film und mache ständig Praktika und Assistentenjobs in der Filmbranche. Ich versuche auch vermehrt, eigene kleine Projekte auf die Beine zu stellen. Ich war in Paris auf einer Schauspielschule und habe in München, Leipzig und Berlin als Regieassistent gearbeitet.
FM: Warst du in dieser Zeit gar nicht surfen? AW: Ich war mehrmals monatelang nicht auf dem Wasser.
FM: Hast du das nicht vermisst?
AW: Doch, aber meine Neugierde auf den Film war ein wenig größer als das Heimweh nach Wind und Wellen.
FM: Seit wann gehst du wieder richtig surfen? Ich war von deinem Können in Dänemark schon ziemlich beeindruckt.
AW: Ich war zwischendurch immer mal wieder auf dem Brett. Diesen Winter war ich einen Monat in Südafrika und im Frühjahr auf Hawaii, anschließend beim Worldcup auf Gran Canaria. Ich habe gemerkt, dass ich relativ schnell immer wieder reingekommen bin und bei den Contests auch ganz gut mithalten konnte. Motivation ist der Schlüssel zum Erfolg. Vielleicht ist Motivation auch ein schlechtes Wort. Wenn man monatelang nicht auf dem Wasser war, hat man ein großes Verlangen, die neuen Moves zu lernen und das scheint nach einer Pause schneller zu gehen, als wenn man regelmäßig surfen war.
FM: Findest du, die Events haben sich seit deinem Ausscheiden verändert?
AW: Auf jeden Fall hat sich die Tour vom Fahrerischen enorm gesteigert. Das liegt sicherlich auch an der Freestyle-Disziplin. Man merkt einfach, dass viele 15-Jährige auf der Tour sind, dadurch kommen viel mehr Kreativität und Style bei den Moves rein. Das Niveau ist momentan enorm hoch.
FM: Scheiße, bin ich alt … Wenn du jetzt in die Staaten zum Studieren gehst, ist das mit dem Windsurfen erst einmal wieder vorbei, oder?
AW: Nein, nicht unbedingt. Der Sport bleibt Bestandteil meines Lebens. Ich werde schauen, dass ich ab und zu von LA die Küste hoch, Richtung Santa Cruz, fahre. Vielleicht komme ich auch öfter nach Hawaii – der Flug von LA ist vergleichbar mit einem Flug auf die Kanaren von uns aus.
FM: Was hast du mit deinem Studium später vor?
AW: Das wird sich während des Studiums zeigen. Ich habe schon viel ausprobiert und bin vom Schreiben genauso begeistert wie von der Kameraarbeit. Mal schauen, wenn ich genug Talent zeige, wäre Regie schon etwas, was mich am meisten interessierte. Die Arbeit am Drehbuch, das Inszenieren mit den Schauspielern und der Schnitt machen die Arbeit sehr vielseitig.
FM: Ich befürchte, dass es schwierig werden könnte, in der Film-Maschinerie später Fuß zu fassen. Gibt es nicht tierisch viele Leute, die darauf Bock haben?
AW: Ich habe schon gemerkt, dass viele in der Filmbranche arbeiten wollen. Das hohe Interesse daran ist im Prinzip vergleichbar mit dem Windsurfen. Darauf haben auch viele Bock, aber wenn man beobachtet, wie viele wirklich am Strand von Hookipa auftauchen und über Jahre hinweg jeden Tag draußen sind, stellt man fest, dass die wenigsten hartnäckig bleiben. Ihnen fehlt die Leidenschaft – zunächst im Sport, aber wahrscheinlich auch in vielen anderen Dingen ihres Lebens.
FM: Gibt es etwas, das du im Ausland auf deinen Reisen vermisst? Was ist typisch an Deutschland?
AW: Vielleicht die Zielstrebigkeit und Zuverlässigkeit verbunden mit Menschlichkeit. Martin Walser hat mal in einem Interview beschrieben, wie ihm ein junger Mann in einer deutschen Stadt, in der er zu Besuch war, den Weg beschrieben hat. Mit Präzision wurde ihm das endlose Wirrwarr verständlich gemacht. Die Augen des Mannes leuchteten dabei – er ging geradezu darin auf, dem Fremden mit Genauigkeit zu imponieren. Ehrgeiz und Präzision sind typisch deutsche Eigenarten, die man im Ausland manchmal vermisst. Weiterhin trifft man in Deutschland auf extreme Neugierde gegenüber Fremden – zumindest in Regionen, in denen es den Menschen gut geht. Im Vergleich zu Frankreich könnte man sich manchmal ein wenig mehr Kulturstolz wünschen. Die Angst davor, zu sehr deutsch sein, hat sicherlich mit der Vergangenheit zu tun.
FM: Wie meinst du das?
AW: Die Deutschen haben eine krasse Vergangenheit. Sie haben Scheiße gebaut und dafür ordentlich eins auf den Deckel bekommen. Deswegen sind sie losgelöst von ihrer eigenen Kultur und eher an fremden Kulturen interessiert. In keinem Land gibt es eine so hohe Bereitschaft, Englisch zu sprechen. Weiterhin gehen auch viele Studenten und Schüler im Rahmen ihrer Ausbildung ins Ausland.
FM: Wenn man dich so in Dänemark gesehen hat, könnte man meinen, dass du eher introvertiert bist.
AW (lacht): Keine Ahnung. Das ist eine Frage, die du besser meinen Freunden stellst.
FM: Nee, deine Freunde kennen dich ja und würden dich als nicht introvertiert betiteln. Das ist ja auch nichts Negatives, aber oft empfinden Leute Introvertiertheit als Arroganz. Hast du damit schon mal Probleme gehabt?
AW: Nein, eigentlich nicht. Aber manchmal ist es komisch, plötzlich in so einem Rummel zu sein. Die ganze Zeit lebst du vor dich hin und keiner schert sich um dich. Dann kommt irgendein Event, auf dem sich auf einmal alle um dich scharren und du weißt eigentlich gar nicht, was sie von dir wollen. Das fühlt sich manchmal merkwürdig an. Manche schützen sich in solchen Situationen, indem sie sich im Kreise von Freunden und Bekannten aufhalten, was, wie ich finde, eine normale Reaktion ist.
FM: Okay, manche gehen damit anders um.
AW: Das ist aber keine Reaktion, über die ich groß nachdenke oder die ich kontrollieren könnte. Sie kommt einfach so. Ich habe einfach mehr Lust, mich mit einigen wenigen Menschen wirklich intensiv zu beschäftigen als mit ganz vielen ein bisschen. Ich verbringe gern Zeit mit den Menschen, die mir was bedeuten.
FM: Die Popularität des Windsurfens hat in den letzten Jahren leider etwas gelitten. Was könnte deiner Meinung nach den Trend umkehren?
AW: Ich denke, Windsurfen kann sehr gut mit den Sportarten konkurrieren, die ein jüngeres Publikum ansprechen so wie Skateboarden oder Snowboarden. Vielleicht bringt es etwas, sich an diesen Sportarten zu orientieren. Die jungen Leute sind im Bereich Sport die größten Konsumenten. Man muss die Jüngeren verstehen, gucken, was sie für Helden haben, wie sie diese Helden konsumieren, wie die Geschichten dargestellt werden, die die jungen Leute interessieren und was mit den angesagten Sportarten in Verbindung gebracht wird.
FM: Aber dann ist deiner Meinung nach Freestyle schon der Schritt in die richtige Richtung?
AW: Auf jeden Fall, nur muss das auch transportiert werden. Aus den Magazinen erfahre ich darüber kaum etwas. Was ist Freestyle überhaupt? Wie ist das entstanden und was ist daraus geworden, wie hat es das Waveriding beeinflusst …
FM: Das ist auch schwierig zu verfolgen. Mittlerweile gibt es so viele Moves und Tricks, da verstehe ich auch nur noch Bahnhof.
AW: Das muss man ja nicht verstehen! Man soll sich das angucken und sich freuen. Mir ist das beim Skateboarden doch auch egal, ob das ein 360flip frontside oder backside war – Hauptsache, es sieht geil aus.
FM: In meinen Augen hinken diese ewigen Vergleiche Windsurfen – Skaten – Snowboarden. Nicht nur finanziell besteht zwischen diesen Sportarten ein großer Unterschied, sondern auch von der reinen Möglichkeit her, sie täglich auszuüben.
AW: Das fängt aber schon damit an, wie man ein Image aufbaut. Wenn vor mir ein Windsurf-, ein Snowboard-, und ein Skateboardmagazin liegen würden, würde ich nie auf die Idee kommen, das Windsurfmagazin in die Hand zu nehmen, weil mich das Cover nicht anspricht. Man kann eine gewisse Vermarktung, wie ich sie mir vorstellen würde, nicht ausschließen, wenn man sie nicht wirklich ausprobiert hat. Es wird nichts ausprobiert und das ist das grundsätzliche Problem unseres Sports. Die Industrie ist schlichtweg unkreativ.
FM: Bist du politisch? AW: Ich interessiere mich wenig für kurzlebige Sachen. In der Politik wird wenig darüber nachgedacht, was langfristig etwas bringt. Das kann man den Politikern natürlich nicht vorwerfen – so ist das System gemacht. Die Politiker selbst müssen sich verkaufen und dazu haben sie nicht viel Zeit. FM: Das ist jetzt aber ein deprimierendes Interviewende …
AW: Nee, überhaupt nicht! Ich persönlich interessiere mich halt für andere Dinge. Wenn man sich intensiv mit Politik beschäftigt, ist das sicherlich faszinierend. Aber was ich davon mitbekomme, ist immer nur Gekratze an der Oberfläche. Um was es wirklich geht, verstehen doch die wenigsten. Es wird gern gemeckert an den Marionetten. Aber eins sieht man in der Politik schön: Die Leute, die langfristig etwas verändern, stehen selten im Rampenlicht. Das ist doch ein schöner Schlusssatz.




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