Uns ist bewusst, dass unser Timing für den einen oder anderen vielleicht als unpassend empfunden wird. Nach der für Mensch und Natur verheerenden Flutwelle einen Artikel über die Malediven? So schlimm die Katastrophe auch gewesen sein mag, wichtig ist das, was wir daraus lernen. Hoffentlich. Damit meine ich nicht nur ein Frühwarnsystem, das bis dato von den entsprechenden Regierungen als unnütz abgelehnt wurde, sondern Respekt und Verantwortung der Natur und anderen Menschen gegenüber. Die von der Flutwelle getroffenen Malediven sind im allgemeinen Medienrummel vernachlässigt worden. Sicherlich auch, weil die Schäden in Indonesien und Sri Lanka schlimmer sind als im Inselstaat. Von 87 Resorts sind noch 67 in Betrieb, von rund 80 Toten ist die Rede, von den 200 bewohnten Inseln (von 1.190) sind 20 unbewohnbar geworden, 10.000 Häuser wurden zerstört und 100.000 Menschen obdachlos. Muss man da über Surfen berichten? Man sollte. Während man in Sri Lanka in zwei bis drei Monaten wieder mit dem Tourismus liebäugelt, ist man auf den Malediven schneller, auch weil die Schäden im Vergleich nicht so stark ausgefallen sind. Noch immer sind die Hemden so bunt wie die Unterwasserwelt, die Stimmung schwankt zwischen Heiterkeit und Trauer. Und Angst, denn bräche der Tourismus weg, würden die Malediven wieder zu dem, was sie vor 30 Jahren waren: eines der ärmsten Länder der Welt. Damit ist auch keinem geholfen. Hände werden geschüttelt. „Danke, dass sie unser Land besuchen.“ Die Einwohner freuen sich über jeden derzeitigen Besucher. Nach jeder Katastrophe vergessen die Touristen schnell. Nach dem Bombenanschlag auf Bali im Oktober 2002 sanken die Besucherzahlen von 72.600 Deutschen auf 53.374 und stiegen ein Jahr später wieder an. Oder Ägypten 1997, als ein Bombenanschlag in Luxor 58 Menschen tötete. Die Zahlen sanken von 438.000 Deutschen auf 274.000, um im Jahr 2004 auf 780.000 anzuwachsen. Der bis 2002 andauernde Bürgerkrieg in Sri Lanka führte zu generell geringen Besucherzahlen. Waren es 1995 noch 80.000 Deutsche, kamen 1996 nur 45.000. Bereits 2003 stieg die Zahl wieder auf 59.000, für 2004 geht man von 75.000 Deutschen aus. Werden also weitaus schlimmere Bürgerkriege als weniger gefährlich eingestuft im Vergleich zu den Flutwellen? Sieht so aus, denn in den in sich abgeschlossenen Hotelkomplexen bleibt der Krieg außen vor, Wasser nicht.
Rund zwei Milliarden Dollar wurden eine Woche nach der Flutwelle an internationaler Hilfe zur Verfügung gestellt, den Rest erledigen die Medien. Zwei Drittel aller Spenden werden durch TV-Bilder ausgelöst. Jeder Sender veranstaltet eine Gala, immer im Wettbewerb, wer die meisten Gelder sammelt. Mitleid zahlt sich aus. Dagegen existieren Katastrophen, die nicht von den Medien aufgefangen werden, praktisch nicht. Als vor einigen Monaten in China 800.000 (!) Menschen aufgrund einer Flut (!) obdachlos wurden, bekam das in Deutschland kaum jemand mit. Weitestgehend unbemerkt blieb eine zweite Flutkatastrophe in Indien, Bangladesch und Nepal, bei der 5,7 Millionen Menschen (!) ihr Zuhause verloren. Die Medienmacher hatten das Gefühl, dass das den Zuschauer nicht interessiere – dementsprechend flau war die Spendenbereitschaft. Die Erfahrung zeigt, das nach rund zwei Wochen die Spenden zurückgehen. „Wenn der eigentliche Aufbau beginnt, schaut die Welt schon wieder weg“, sagt Care-Chef Wolfgang Jamann. Schließlich fängt nach den Aufräumarbeiten die Arbeit an und die dauert meistens Jahre. Nun schließt sich der Kreis des Tourismus’, der von Experten, wie immer wieder behauptet, die schnellste und langfristigste Aufbauhilfe sei. Was man von den Banküberweisungen nicht unbedingt behaupten kann: Sobald das Wort „Fluthilfe“ auf ihnen auftaucht, darf das Geld nur zur Nothilfe und den ersten Wiederaufbau verwendet werden, für langfristige Entwicklungshilfe dagegen nicht. So verlangen es die deutschen Gesetze.
Nun aber zurück zu unserem Trip. Es ist Ende Februar. Okay, ich gebe zu, noch leichte Off-Season. Ab April geht es bis Oktober voll zur Sache. Im Regelfall. Doch was heißt
das schon, das hilft dir jetzt nicht im geringsten weiter. Da können die dicksten Tiefdruckgebiete am Südpol die entstandenen Wellen Richtung Norden auf ihren langen Weg bringen, das ist eine Sache. Ob sie dort ankommen, wo du dich gerade aufhältst, eine andere. Es ist der gleiche Swell, der in Indo für glückliche Surfer sorgt. Allerdings liegen die Malediven etwas weiter nordwestlich. Macht aber in der allseits bekannten Regel keinen Unterschied. Auf die südlichen Malediven treffend, über das Südmale-Atoll laufend, bleibt genug Power für das nördliche Atoll übrig. Dann gibt es auch hier glückliche Gesichter. In den vergangenen Jahren hat sich diese Gegend einen ausgesprochen guten Namen gemacht. Sultans, Coce’s, Pasta Point und Chickens sind nur einige Spots, mit denen fast jeder Surfer etwas anfangen kann. Meistens wirst du hier auf Australier und Japaner treffen, auf Amis dagegen kaum. Für sie ist der Weg zu weit. Wir wollen nicht abschweifen, der Swell lässt auf sich warten. Das Wetter wird irgendwie auch nicht besser, Wolken am sonst wolkenlosen Himmel. An die Regenfronten (die zum Glück weit draußen am Außenriff entlangziehen) haben wir uns gewöhnt. Dennoch: Die grundsätzliche Wetterlage stimmt hinten und vorne nicht. Der einzige Vorteil ist, dass keine 20 Surfer in den kaum vorhandenen Wellen rumhängen.
Es bestätigt sich immer wieder: Selbst der perfekteste Planungsweltmeister kann Wetter und Wellen nicht beeinflussen. Eine angekratzte Off-Season bleibt eben Off. Ob die On-Season genau in den zwei oder drei Wochen On ist, sei in den momentan wellenlosen Raum gestellt. „Planungslegastheniker“ leben da vielleicht etwas entspannter. Ebenso nicht planbar ist das Verhalten genervter Surfer auf einem Boot. Das kann schnell in die Hose gehen. Auf unserem Boot zum Glück nicht. Die beiden Longies, Armin Loose und Christian Ludwigsen, kamen kurz vorher von einem Trip aus Peru zurück (wellenmäßig eine Eins), unsere beiden Stickies (O-Ton Armin: „Stäbchenfahrer“), Björn und Thore Kroll, samt mir und Falk Oswald, der sowieso die Hälfte des Jahres hier verbringt, bleiben entspannt.
Ein Internetcafé muss her. Im maledivischen Inselstaat eine haarige Situation. Selbige konnte just eintreffender Mark Isemann auch nicht beantworten, da er seit Ewigkeiten im Flugzeug saß und die ansonsten ausgezeichnet ausgestattete „Emirates Airline“ auch keine entsprechende Swellprognose an Bord hatte. Dafür aber an jedem Platz einen eigenen Bildschirm samt sechs Filmen und Videospielen. Wir also ab nach Male, der Hauptinsel in Sichtweite der Flughafeninsel. Male will so gar nicht in das friedlich vor sich hinschlummernde Inselparadies passen. Die Straßen sind voll, laut und hektisch. Das wirtschaftliche Leben geht seinen Gang, nur der Präsidentenpalast nebst Ministerium strahlen erhabene Ruhe aus. Die obligate Nervensäge, die uns, kaum dass wir einen Schritt an Land gesetzt haben, mit trefflicher Treffsicherheit als Nichteinheimische erkannt hat, klebt an unseren Fersen. Von unserem konsequenten Ignorieren lässt er sich keineswegs beirren und bietet sich ebenso konsequent als Führer an bzw. übernimmt unaufgefordert diese Rolle.
Thore bringt es auf den allabendlichen Punkt: „Als Surfer hat man hier alles. Warmes Wasser, Offshore und ein Boot, mit dem man jeden Peak anlaufen kann. Nur der verdammte Swell fehlt.“ Falk kann dieses meteorologische Vorkommnis überhaupt nicht verstehen und schwört, dass es selbst in den miesesten Monaten Dezember und Januar nicht schlechter sei. Björn stöhnt auf und wiederholt lauthals eben Gesagtes. Chrischan grinst in sich hinein. Mark ist mit seinem Bier und seinem Jetlag beschäftigt. Und Armin lernt die neueste Ausgabe des „Surfer’s Journal“ auswendig. Ich beobachte und überlege, was ich aus der Geschichte machen soll. Wie es sich für zünftige Surftrips gehört, tauschen wir unsere Travelgeschichten aus. Und da gibt es einiges zu erzählen, vor allem wenn Falk mit von der Partie ist. Was der Typ erlebt hat, geht auf keine Kuhhaut. Er gehörte mit seinen Kumpeln zu den ersten Travelsurfern in Deutschland und kurvte schon durch Marokko und Südamerika, als du noch flüssig warst und nicht so viele kleine Wichtigtuer surfen gingen. Lange Rede, kurzer Sinn: Er hat wohl alles erlebt, was man in diesem Genre erleben kann. Und wenn ich sage alles, dann meine ich alles (zum Teil nachzulesen in Free Nr.13 „Going Global“). „Bis wann meine wilde Zeit ging? Bis 39. Jimmy Hendrix wurde 27, ich dagegen schon immerhin 39. Mal sehen, was noch kommt. Aber der Wahnsinn hat mehr als einmal an die Tür geklopft.“ Von Drogen über Gefängnis bis zu Gaunereien war alles dabei. Im Grunde ist das ein Buch wert. Wenn er sich denn aufraffen könnte, es zu schreiben. Und das dürfte wohl nie der Fall sein. Aber auch Armin und Chrischan haben in Peru die ein oder andere Erfahrung gemacht, die zumindest einen aus der Truppe in psychische Probleme brachte. Nachvollziehbar, wenn man überfallen wird und sich nachts auf dem Boden eines Maisfeldes kniend, samt 45er am Hinterkopf wiederfindet. Zum Glück kann Armin recht gut spanisch und erreichte, dass ihnen wenigstens die Pässe, Kreditkarten und Flugtickets blieben. Danach war neu ankleiden angesagt. Der Rest der Truppe steuert noch ein paar Erlebnisse hinzu und die Abende sind gerettet.
„Das Meer ist am Peak ja schon konkav. Wenn morgen nichts kommt, werde ich nervös,“ bemerkt Armin. „Das ist selbst für die Japaner zu klein,“ philosophiert Falk. „Echt jetzt, so klein habe ich das noch nie gesehen.“ „Ach du, du bist doch immer nur in der Gegend rumgefahren und wenn nichts war, bist du wieder abgehauen und hast überhaupt nicht darauf geachtet,“ meckert Björn. „Stimmt,“ sagt Falk. Halb vier, Zeit für Kaffee. Wir sitzen schwitzend im Schatten. „Das Problem liegt im Weltraum. Die ganzen Satelliten, die da oben rumfliegen, stören das Wetter und damit den Lauf der Wellen.“ Ein typischer Falk Oswald.
Waheed, unser Kapitän und Besitzer des Bootes, seines Zeichens zweiter Inselchef, liefert uns kostenlosen Nachhilfeunterricht in Sachen maledivisches Leben. „Seine Insel“ Dhiffushi hat erst auf seine Initiative hin 1995 durchgehenden Strom bekommen. Für die Kinder ließ er eine Schule bauen und kaufte den Lehrern Bücher zum Unterrichten. Das kleine Krankenhaus wird gerade gebaut. „Hier dauert alles sehr lange. Der erste Inselchef ist über 60 Jahre alt und interessiert sich nicht für die Zukunft. Ich bin durch Europa gereist und sah, wie die Menschen dort leben. Das hat mich überzeugt und ich versuche es für die kommende Generation umzusetzen. Zumindest öffnet uns das Fernsehen ein Fenster in die Welt.“ Sein Sohn führt uns stolz über die Insel. Früher fuhren die Touristen der Nachbarinsel Meerufenfushi mit den Insulanern auf Thunfisch- und Lobsterfang, abends wurden dann am Strand Barbecues veranstaltet. Seit das Resort neue Manager hat, geht nichts mehr. Obwohl gerade solche Initiativen das Verständnis füreinander förderten und den Maledivern eine zusätzliche Einnahmequelle bescherten. Was bleibt, ist ein zwiespältiger Nachgeschmack für die Einwohner, in deren Land die ausländisch geführten Resorts viel Geld verdienen. Auch nach der Flutkatastrophe.



(bisher keine Bewertungen)
Neueste Kommentare