Jericoacoara ist in aller Munde. Ob nun Freestyle-Pros oder Wave-Einsteiger, seit der Entdeckung des Spots 1999 zieht es jedes Jahr mehr und mehr Windsurfer an diesen Spot im Norden Brasiliens. Im Dezember 2005 machte sich ein internationales Dreamteam auf den Weg, diese Oase für Windsurfer genauer zu erkunden!
Als mich Anfang Dezember Nathalie von der Surf & Action Company aus München anrief, hatte ich meinen Frieden mit einer Überwinterung im kalten Deutschland eigentlich schon gemacht. „Hast du Lust, nach Brasilien zu fliegen?“ Das ist eine Frage, die man sich nicht zwei Mal stellen lassen sollte! „Ich bin dabei!“, schoss es aus mir heraus. Bereits eine Woche später saß ich im Flieger Richtung Brasilien.
Mit mir an Bord ein Dreamteam der internationalen Windsurfpresse: Lord Gary von Boards UK, Josh von Windsurfer USA, Arnaud vom Planchmag Frankreich, Mart von Motion Holland und Julian Schlosser als Fotograf. Mit der TAP Air Portugal landeten wir in Fortaleza. Von dort aus hat man zwei Möglichkeiten nach Jeri zu kommen: Der erste Weg ist ein 4×4-Jeep, um die restlichen 300 Kilometer zurücklegen. Die ausgebaute Straße endet allerdings rund 100 Kilometer vor Jeri, sodass die letzten eineinhalb Stunden direkt an der Wasserkante am Strand und durch Dünen fahrend wirklich ein Erlebnis sind. Dieses Vergnügen hatten wir allerdings erst auf der Rückreise. Auf dem Hinweg wurden wir standesgemäß mit einem Helikopter nach Jericoacoara geflogen. Und wer ein bisschen Knete übrig hat, sollte sie an dieser Stelle investieren! Auf dem einstündigen Flug entlang der Küste kann man nicht nur Fortaleza von oben sehen, sondern auch die atemberaubende Landschaft und die endlosen Strände besonders gut entdecken.
Dass Fliegen die weitaus komfortablere Alternative ist, brauche ich an dieser Stelle nicht zu erwähnen. In Jericoacoara angekommen, landet man direkt auf dem Strand. Das sieht nicht nur wichtig aus, es fühlt sich auch wichtig an und spätestens in diesem Moment hat sich die Kohle gelohnt …
Jeri ist eigentlich eine alte Fischersiedlung an der Nordostküste Brasiliens, genauer gesagt in Ceará, knapp unterhalb des Äquators. Was sich wie ein fruchtiger Sundowner auf Eis anhört, ist in Wirklichkeit das Paradies. Hier hatte Gott während der Schöpfung extrem gute Laune. Die Sonne scheint 15 Stunden am Tag, die Atmosphäre ist entspannt, das Wasser warm, das Essen lecker, die Preise günstig, die Menschen freundlich, der Wind bläst konstant zwischen 20 und 30 Knoten und die gemäßigten Wellen hören nicht auf, an den blendend weißen Strand zu rollen. Mein erster Eindruck? Windsurfers-Paradise!
Das Letzte, was man in Jericoacoara benötigt, ist ein Neoprenanzug, das Erste, was man sich vor Abflug in rauen Mengen einpacken sollte, Sonnencreme. Ob nun aus reiner Gewohnheit oder blinder Ignoranz, ich hatte es in diesem Jahr genau andersherum gehalten.
So fand ich mich Mitte Dezember in einem Paradies mit dem nach Kokosnussrum und Ananasscheiben klingenden Namen Jericoacoara in Brasiliens Norden wieder, musste jedoch feststellen, dass ich in typisch deutscher Manier falsch gepackt hatte und nun mit zwei Paar langen Jeans (für die „kalten” Nächte) und einem 3/2-Neoprenanzug (gegen das kalte Atlantikwasser) bei knapp 32 Grad im Schatten und 27 Grad Wassertemperatur unter Palmen stand. „Wetter”, dachte ich da so bei mir. Ein kleiner Tipp am Rande: Für zwei Wochen Jeri reichen drei Boardshorts, fünf T-Shirts und ein Trapez. Mehr brauchst du wirklich nicht!
Obwohl Jeri bereits vor knapp 15 Jahren von ein paar verrückten Backpackern entdeckt wurde, ist die touristische Entwicklung dank seiner schwer zugänglichen Lage noch relativ entspannt verlaufen. So leben auch heute nur insgesamt 1.500 Seelen in dem Dörfchen, das original so aussieht, als wäre es einem Westernfilm entsprungen. Zwar ist die aktuell gültige Währung nicht mehr ausschließlich roher Fisch, aber Geldautomaten und Banken gibt es bis heute nicht in Jeri. Man sollte sich also bereits am Airport in Fortaleza mit genügend Reals eindecken, um den Urlaub zu überstehen. Nicht dass man davon viele brauchen würde, denn eine Portion Thunfischsteak mit Beilagen, die hier in Deutschland eine ganze Familie satt machen würde, kostet in Jeri umgerechnet fünf Euro! Kein Grund also zu meckern. Kriminalität ist in Jeri ebenfalls ein Fremdwort. In den letzten zehn Jahren gab es genau ein Verbrechen. Einer Touristin wurde aus dem Appartement ein Fotoapparat geklaut. Da in diesem Dörfchen aber jeder jeden kennt, war der Dieb nach zwei Stunden gefasst. Bei einem Entschuldigungsabendessen lernten sich Täter- und Opferfamilie besser kennen und sind gute Freunde geworden … Auch aus diesem Grund hat es bis vor wenigen Jahren keine Polizei in Jeri gegeben. Mittlerweile haben sich die Gewerbetreibenden des Ortes aber zusammengetan und finanzieren zwei Polizisten, die definitiv den entspanntesten Job auf diesem Planeten haben! Kriminalitätsrate: Null Prozent, Aufklärungsrate 100 Prozent …
Die gesamte Gegend um Jericoacoara wurde vor einigen Jahren zum Naturschutzgebiet erklärt, weshalb der Bau von neuen Gebäuden und Straßen stark von der Regierung überwacht, wenn nicht sogar verboten wird. Obwohl die Bewohner von Jeri seit knapp acht Jahren sogar Elektrizität haben, gibt es immer noch keine Straßenlaternen und somit wird der Weg von Fortaleza nach Jeri einzig und allein vom Himmel beleuchtet. Einen sensationelleren Sternenhimmel bekommt man heutzutage wohl kaum mehr zu Gesicht. Der weiße Sandstrand gleicht einer Filmkulisse und das Meer glitzert türkis in der Sonne, während sich am rechten Rand die Palmen im aufkommenden Wind biegen. Spätestens jetzt ist man in der absoluten Ruhe angekommen – wäre da nicht der Wind!
An meinem ersten Morgen am Strand angekommen, überkam mich die altbekannte Nervosität: „Schnell aufs Wasser, wer weiß, wie lange der Wind noch anhält!” Als mir dann ein vollkommen entspannter André Paskowski über den Weg lief, dämmerte es mir langsam. Als er mich auch noch mit dem Kommentar „Hey, Digger, ganz ruhig! Ich bin seit sieben Wochen hier und hatte jeden Tag Wind! Da kannst du deine Uhr nach stellen! Um 9:00 Uhr geht’s los, um 17:00 Uhr geht’s runter!” begrüßte, wusste ich: Hier bleibe ich. Am besten für immer.
Die Windbedingungen in Jericoacoara sind wirklich sensationell. So etwas habe ich persönlich noch nicht erlebt. Man kann wirklich jeden Tag aufs Wasser, sind doch immer mindestens vier bis fünf Beaufort. Während unserer Woche bin ich nie größer als 5.4 qm gefahren, was in Relation zu einem Windsurfer mit „normalem” Gewicht bedeutet, dass ein 4.7er die richtige Wahl wäre. Der Wind kommt vom Atlantik und bläst zwischen Juni bis Januar jeden Tag konstant cross bis cross-offshore. Dazu schieben sich ein bis eineinhalb Meter hohe Wellen vom Horizont her an den Sandstrand, sodass selbst ungeübte Wave-Surfer keine Angst haben müssen, von Wellenmonstern gefressen zu werden. Im Gegenteil. Die warmen Wellen sind geradezu Vertrauen erweckend und das Material übersteht jeden Wipe-out ohne Bruch.
Wie bei allen Wave-Revieren ist auch dieser Spot stark von den Gezeiten abhängig. Bei auf- und ablaufendem Wasser hat man am meisten Spaß. Bei totaler Ebbe sollte man 200 Meter Richtung Norden in eine kleine Bucht ausweichen, da dort die Wellen einen Tick höher sind als an der Spitze der Bucht. Beide Spots sind nur einen Steinwurf von der Surfstation „Clube dos Ventos” entfernt. Der Clube wurde 1999 von dem brasilianischen Windsurfer Fabio Nobre gegründet. Damals kutschierte der smarte Surfer, der das Potential des Spots als Allererster erkannte, einzelne Windsurftouristen an den Strand von Jericoacoara, bis er genügend Geld zusammen hatte, um dort seine erste Leihstation zu bauen. Mit seinem Esel namens Robby Naish transportierte er das Material damals noch von seinem Hotel im Dörfchen an den Strand. Mittlerweile ist der Club zu einem ordentlichen Center mit Restaurant, Shop, Internetcafé und Surfschule gewachsen und liegt in der allerbesten Lage direkt an der Poleposition der Bucht, sodass Robby Naish in den Ruhestand geschickt werden konnte. Das Materialangebot bei Fabio ist so groß, dass man keine Angst haben muss, nicht den richtigen Stuff fahren zu können. Nagelneues Starboard, JP- und Neil Pryde-Material stehen den Aktiven zur Verfügung. Während der Pausen kann man sich entspannt in wirklich stylischem Ambiente ausruhen und mittags die Super-Küche am Buffet genießen.
Alle, die nicht auf Wellenexperimente stehen, finden hinter dem Shorebreak eine schöne Freeridepiste. Selbst die blutigsten Anfänger kommen in Jericoacoara auf ihre Kosten, denn keine 30 Minuten entfernt liegt der „Paradise Lake”, ein Süßwasser-See, der sich über neun Meilen erstreckt und für Schotstart, Halse und Wasserstart genügend Übungsfläche bietet. Ein Spot also für die ganze Familie! Trotzdem spielt die Musik am Strand von Jeri. Nicht nur, weil es dort einfach wunderschön ist und das Wasser mit seinen 27 Grad Barfuß- und Boardshortsqualitäten zeigt – es gibt auch überhaupt keine Gefahren im Wasser. Keine Strömungen, keine Riffe, keine Haie; zumindest hat man bisher keine Haie gesichtet. Die einzige Gefahr droht in Jeri im Sand der Straßen. Da ab und zu Schweine durchs Dorf getrieben werden, die schon mal einen Haufen hinterlassen, machen Geschichten über kleine Würmer in Jeri die Runde, die sich in der Fußsohle einnisten, Eier legen und dann die Kontrolle über den gesamten Körper übernehmen. Okay, Letzteres war vielleicht ein wenig übertrieben und persönlich kennen gelernt habe ich auch keinen „Befallenen”, trotzdem kann man diese Gefahr ganz leicht durch das Tragen von Schlappen umgehen!
Zum Glück gibt es in Jericoacoara keine Fünf-Sterne-Bettenbunker wie in vielen anderen Touri-Hochburgen. Wer nach Jeri kommt, lebt einfach, aber gemütlich. Es gibt diverse Übernachtungsmöglichkeiten in kleinen, feinen Bungalows. Für diejenigen, die nur das Beste vom Besten wollen, hat Jeri seit Dezember auch noch etwas parat. Direkt neben der Surfstation von Fabio ist die Anlage Pousada Jeriba. Das Dreamteam war eingeladen, als die allerersten Gäste die Appartements näher zu untersuchen. Trotz kritischer Blicke gab es aber auch gar nichts, was man an ihnen hätte aussetzen können. Superausgestattet mit großzügigen Badezimmern und Schlafräumen haben alle Appartements einen einmaligen Blick von den großen Balkonen auf die Bucht von Jeri. Ein schöner Pool mit angeschlossenem Whirlpool lädt am Ende eines harten Windsurftages zum Entspannen ein. Beim Frühstück sitzt man direkt an der Wasserkante und genießt den einmaligen Blick. Diese Anlage ermöglicht in Verbindung mit dem direkt angrenzenden „Clube dos Ventos” definitiv die schönste Art des Urlaubs in Jeri.
Es steht außer Frage, dass man sich in Brasilien befindet, denn das Nachtleben ist trotz der überschaubaren Stadtgröße einfach super. Die Bewohner haben den Rhythmus im Blut und lassen daher kaum eine Party aus. Es gibt also keine Entschuldigung, sich vom Feiern fernzuhalten. Der Abend beginnt mit einem kühlen Sundowner in den Dünen und dem Blick aufs Meer. Danach geht es weiter in eines der ausgezeichneten Restaurants, von denen es mehr als genug gibt. Ob Sushi oder Pizza, dieser kleine Spot bietet eine erstaunlich kosmopolite Küche. Es ist mehr die Qual der Wahl als das allgemeine Hungergefühl, das nach dem Surfen die Seele plagt. Hat man sich aber für ein Lokal entschieden, kann man sicher sein, dort den besten Service und das leckerste Essen für kleines Geld zu bekommen. Voll gefuttert und angeschäkert kann man anschließend durch die zahlreichen Bars ziehen, um sich dort ganz der einheimischen Kultur hinzugeben und der Völkerverständigung zu frönen. Am besten geht dies mit dem Nationalgetränk Caipirinha oder auch mit Capetas (ein Drink mit Wodka, Guarana, Dosenmilch, Schokolade und Eis). Wer sich am Tag noch nicht beim Windsurfen ausgepowert hat, kann nachts auf den Straßen von Jericoacoara Vollgas geben, um gegen 5:30 Uhr die Sonne vom Strand aus zu begrüßen. Da Jericoacoara am nördlichsten Ende von Ceará liegt, befindet sich sowohl an seiner Ost- als auch an seiner Westseite das Meer. Somit ist Jeri einer der wenigen Spots in Brasilien, an denen man die Sonne sowohl über dem Meer auf- als auch untergehen sehen kann. Ziemlich cool, oder nicht?
Wenn man sich erst einmal an den erschreckenden Gedanken gewöhnt hat, dass man in Jericoacoara in der Tat jeden Tag acht Stunden Windsurfen gehen könnte, kann man an einem Tag auch ruhigen Gewissens etwas anderes in der Gegend unternehmen. Wieder einmal geht es um die Qual der Wahl: Sandboarding, Kitesurfing, Segeln, Paragliding, Reiten, Motorcross-Touren oder … Man sollte nicht meinen, dass überhaupt jemand auf die Idee käme, einen simplen Spaziergang zu unternehmen! Abschreckend oder nicht: Gehen ist die einzige Methode, dahin zu gelangen, wo noch nicht einmal ein 4×4-Jeep hinkommt. So sollte man zum Beispiel unbedingt eine Dünenwanderung unternehmen. Ja – auch wenn ihr jetzt entsetzt den Kopf schüttelt – das ist ein MUSS! Denn hat man nach zwei bis fünf Stunden wandern erst einmal die letzte Düne erklommen, zeigt sich eine Fata Morgana der besonderen Art: Vor einem liegt ein Süßwassersee mit einer Bar! Den Rückweg kann man entweder zu Fuß zurücklegen oder aber man reitet auf einem Esel in die Nacht. Und wenn er nicht gestorben ist, könnte es auch Robby Naish sein.
Irgendwann geht leider auch der schönste Urlaub zu Ende und so mussten wir nach sieben Tagen Jericoacoara leider wieder die Heimreise antreten. Mit 100 Prozent Sonnen- und Windtagen geht dieser Trip für das Dreamteam als einer der besten in die Geschichte ein.
Wir können dir diesen Spot wirklich nur ans Herz legen. Wenn du Interesse an einer Reise bekommen haben solltest, empfehlen wir dir eine Buchung bei der Surf & Action Company. Mit diesen Experten an deiner Seite kannst du dich vom ersten Tag an entspannen und den einmaligen brasilianischen Lifestyle in dich aufsaugen.
Surf & Action Company: www.surf-action.com / info@surf-action.com / +49 (0) 89 / 628167-0




(25 Stimmen, durchschnittlich: 4,84 von 6)
Neueste Kommentare