Pio Marrasco wurde 1970 in Neapel geboren. Bereits mit 19 Jahren war er das erste Mal auf Maui. Neben Fußball war seine wahre Leidenschaft schon immer das Windsurfen. In seiner Freizeit ist er jede freie Minute mit seinen Freunden zu den unterschiedlichen Spots gefahren. Ende 1989 ist er nach Maui gegangen, um dort den Sommer zu verbringen. Daraus wurden neun Monate. Mit viel Glück ergatterte er ziemlich schnell einen Job bei den Jungs der Maui Fin Company, die ihm zeigten, wie man Finnen shaped. Das ist jetzt mittlerweile über 16 Jahre her …
FM: Sag mal Pio, hast du eigentlich einen Beruf oder so was in der Art erlernt?
PM: Ich habe bereits mit neun Jahren Fußball gespielt. Mit 14 kam ich in die „Unter-16-Liga“ von Neapel, mit 16 in die „Unter-18-Liga“. Ich habe bei meinen Eltern gelebt und Fußball gespielt – mehr nicht. 1986/87 war für Neapel eine ziemlich gute Zeit. Damals spielte sogar Maradona für Neapel. Leider habe ich mir um die Schule nie einen Kopf gemacht, aber so ist das wohl. Fußball und Windsurfen – mehr gab es für mich nicht.
FM: Bist du vor Neapel im Mittelmeer gesurft?
PM: Ja, genau. Da unten gibt es ein paar nette Spots. Leider sind alle nur mit dem Auto erreichbar. Also musste ich immer meine älteren Kumpels anbetteln, die schon ein Auto hatten: „Los, bitte holt mich ab, lasst uns windsurfen gehen!” Aber viel Zeit hatte ich dafür eben nie. Wenn ich nicht trainierte, war ich in der Schule. Es war schon schwer, für das Windsurfen Zeit abzuknapsen. Meistens konnte ich nur in den Sommerferien richtig surfen gehen. Allerdings hat man in Italien das Problem, dass man mit den thermischen Winden auskommen muss, und so habe ich nie richtig in Wellen windsurfen können.
FM: Du warst also beim Training, dann kam der Wind und du bist schnell an den Strand gehetzt?
PM: Nein, dann hätten die mich gefeuert. Aber ich hatte den Wind immer im Blick.
FM: Hattest du auch Kontakt zu Maradona?PM: Ja, klar. Ich war zwar in dem Juniorteam, aber zweimal die Woche haben wir auf demselben Platz trainiert. Wir haben nie ein offizielles Spiel zusammengespielt, dafür war ich zu jung. Doch die Donnerstagnachmittag-Spiele sind mir in guter Erinnerung geblieben. Wir haben eine Menge Zeit mit den „großen Jungs” verbracht.
FM: Trotzdem keine schlechte Entscheidung nach Hawaii zu ziehen, oder?
PM: Absolut nicht! Ich liebe Hawaii und habe mit den Jungs wie Francisco, Kauli und Keith hier eine Menge Spaß. Wir sind ein Team, haben gerade zusammen ein Video gemacht und unsere Büros liegen alle im selben Gebäude. Wenn Wind ist, gehen wir zusammen windsurfen. Der eine designed die Finnen, der andere die Boards, der nächste die Segel.
FM: Mittlerweile bist du der Boss der MFC. Wie viele Leute arbeiten für dich?
PM: Derzeit sind es nur ich und der Typ, der die Maschinen bedient. Alle Produkte, die wir designen, werden ja mit CNC-Maschinen gefertigt. Dann gibt es noch ein Mädel, das mir bei der Buchhaltung hilft. Jetzt arbeiten wir mit einem neuen Vertrieb in Berlin zusammen, mit denen wir jetzt Surffinnen, Windsurffinnen, Sonnenbrillen, Trapeze, Boardbags und Fußschlaufen – das ganze Programm – vertreiben. Diese Zusammenarbeit mit Sunset ist wirklich gut. Die machen den gesamten Vertrieb mit den Shops in den einzelnen Ländern, sie kümmern sich um die Kunden und die Bestellungen. In Hawaii konzentrieren wir uns ausschließlich auf das Team Management, die Entwicklung und das Design.
FM: Was habt ihr für verschiedenen Finnen im Angebot?
PM: Wir arbeiten mit den verschiedenen Teamfahrern zusammen. So ist zum Beispiel unsere Wave- und Freeride-Linie in enger Zusammenarbeit mit Francisco Goya entstanden. Das sind Highend-Finnen, die aus einer Form gemacht werden. Natürlich machen wir auch noch Finnen aus Laminat, wo man den Shape aus einer Polyesterplatte rausshapen muss. Aber seit neuestem benutzen wir die Composit-Technologie, die man auch beim Bau von Yachten, Snowboards oder Helikoptern verwendet. Wir können nun mit dieser Technologie an einer Finne weitere Entwicklungen vornehmen. Die FPT (Fin Prepreg Technology) von Francisco zum Beispiel hat das dünnste Profil auf dem Markt. Normalerweise haben die Finnen einen Profildurchmesser von 10-11 mm. Unsere hat einen Durchmesser von 8,8 mm und das wiederum macht die Boards schneller. Okay, sie ist teurer als die anderen, aber sie hat auch einen hohen Carbonanteil. Außerdem benutzen viele Board-Firmen unsere Finnen für ihre Boards. Ich designe viele Finnen für andere Firmen wie Fanatic, Tabou und BIC. Eine weitere Finnenserie, die ich mit Keith Tabou entwickelt habe, nennt sich BS. Keith’ Style ist total anders als Franciscos. Demnach haben wir für ihn andere Finnen designed. Francisco ist eher ein Frontfood-Wave-Rider, Keith hingegen eher ein Backfood-Rider. Die Finne für ihn ist ein bisschen dicker und flexibler an der Spitze, denn er gibt immer viel Druck auf den hinteren Fuß. Insgesamt komme ich auf zwölf verschiedene Modelle in unserem Hause.
FM: Wie soll sich ein normaler Surfer, der vielleicht dreimal im Monat zwischen Mai und September aufs Wasser kommt und jetzt nicht dein Know-how hat, zurechtfinden?
PM: Als Erstes schaust du dir die Bedingungen an, in denen du meistens surfen gehst. Dann guckst du dir dein Brett und das Volumen des Bretts an und drittens macht das Segel eine Menge aus. Wenn du ein ziemlich großes Board hast, sagen wir mal ein FreeWave mit 100 Litern, dann wärst du verrückt, wenn du eine 19-cm-Wavefinne daranbaust. Das Board würde zwar funktionieren, aber es wäre nicht optimal. Schau dir also an, was der Boardhersteller empfiehlt. Wenn du immer ein 5.5er Segel fahren wirst, solltest du eine 25-28 cm lange Finne benutzen. Auch dein Gewicht spielt eine große Rolle. Wenn du eher schwer bist und über 75 Kilo wiegst, kannst du bestimmt immer 2 cm längere Finne benutzen als ein normaler Durchschnittssurfer. Mittlerweile gibt es so viele Hersteller und verschiedene Modelle, da ist es unsere Aufgabe als Hersteller, den Kunden zu zeigen, was sie wann brauchen. Ich bekomme so viele E-Mails zu diesem Thema und ich versuche sie, egal, wo ich mich gerade befinde, alle zu beantworten. Die Kunden sind für mich das Allerwichtigste. Sie glauben an dein Produkt und halten große Stücke auf dein Design. Manchmal bekomme ich auch E-Mails von den Leuten, die bei mir Finnen gekauft haben, die mir Fotos von den Orten schicken, wo sie gerade surfen waren.
FM: Wie kann ich mir eine Zusammenarbeit mit den Teamfahrern vorstellen. Designst du extra Finnen für die Jungs oder bekommen sie leicht modifizierte Standard-Modelle?
PM: Das funktioniert so: Kauli kommt zu mir und sagt: „Pio, irgendwie fühle ich mich beim Bottomturn nicht so richtig sicher mit meinem Board. Ich glaube ich brauche eine größere Base oder ein bisschen mehr Flex.” Also setzen wir uns in meinem Büro zusammen und entwerfen ein Modell. Ich drucke die Umrisse aus und dann diskutieren wir das Ganze wieder und wieder durch. Insgesamt designen wir bestimmt drei oder vier Prototypen. Dann produzieren wir die Finnen mit Maschinen, Kauli und die Jungs setzen sie auf dem Wasser ein. Man kann also sagen, dass sie meistens Prototypen auf dem Wasser benutzen und keine Finnen von der Stange. Aber auch das kommt vor, denn wenn sich die Prototypen bewährt haben, gehen wir damit in Produktion. Die Prototypen die Francisco derzeit seit drei bis vier Monaten probiert, sind für 2008! Wir können ja nicht alle ständig Prototypen fahren. Das würde ja ein Vermögen kosten.
FM: Wie oft geht ihr eigentlich surfen?
PM: Was für eine Frage: jeden Tag! Vom Büro brauche ich keinen zehn Minuten, bis ich am Wasser bin. Heute haben wir alle gearbeitet. Dann rief Keith an und sagte, es sei Wind. Also haben wir uns alle am Strand getroffen und sind surfen gewesen. Als es anfing zu regnen, sind wir wieder zurück an die Arbeit gegangen.
FM: Ihr surft nicht, wenn es regnet?
PM: Nö, denn der Wind geht dann eh meistens runter.
FM: Ihr seid leicht verwöhnt!
PM: Ich weiß! Aber wirklich, der Wind war weg und darum sind wir zurück ins Büro gegangen. Man hat hier wirklich keinen Stress. Wenn du aufstehst und es ist Wind, dann weißt du, dass der auch später noch da sein wird. Wir sind schon sehr verwöhnt. Da hast du Recht. Manchmal gehen wir an den Strand und dann sind da nur Drei-Fuß-Wellen. Dann gehst du lieber an den Schreibtisch, weil sie dir zu klein ist.
FM: Wie lebt es sich als Italiener auf Maui?
PM: Gar nicht mal so übel. Ich reise aber auch viel nach Hause und bin immer drei bis vier Monate zu Hause in Italien. Ich mag es hier, keine Frage. Ich habe tolle Freunde und gehe viel surfen. Aber ich koche immer mein eigenes Essen, ich bringe meinen Kaffee aus Neapel mit und lasse mir Pasta schicken. Ich vermisse meine Heimat sehr. Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass ich meine Familie und meine Freunde und das wunderschöne Italien nicht vermisste. Aber in meiner Heimat kann ich einfach nicht das machen, was ich hier tun kann.
FM: Schön zu hören, dass du Heimweh nach Europa hast, auch wenn du im Paradies lebst.
PM: Ja, das stimmt schon. Aber ich komme aus dem Süden Italiens und dort hat man sehr starke Wurzeln zu seiner Heimat. Das bekommt man einfach vererbt. Das Essen, die Leute, das Leben, die Kultur – selbst der Fußball fehlt einem, wenn man nicht dort sein kann. Ich spiele hier zwar auch Fußball, aber das sonntägliche Fußballturnier auf dem Schotterplatz hinterm Haus gibt es eben nur in Italien. Man kann eben nicht alles haben.
FM: Du bist also ganz und gar Italiener im Herzen und noch kein Stück amerikanisiert.
PM: Oh ja!
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