„Zuerst wurde Mauritius geschaffen, dann das Paradies. Aber das Paradies war nur eine Kopie von Mauritius.“
Die oft zitierte Lobeshymne des Schriftstellers Mark Twain, den auch der Club Mistral in seinem Katalog als Aufhänger nutzt, war vielversprechend. Mauritius, eine kleine, grüne Insel inmitten des Indischen Ozeans, etwa 800 Kilometer von Madagaskar entfernt, sollte diesen Sommer für zehn Tage unser Arbeitsplatz werden.
Wir, das waren ein paar Glückliche des Teams Hifly (Andy Pusch, Florian Jung, Heidi Wunram), Thorsten Indra als Fotograf und natürlich unser Teamchef Marc Behrens. Er war es, der nach Durchforsten aller meteorologischen Daten Mauritius als Destination für unsere Mission gewählt hatte. Und die Mission hieß: Ablichten aller neuen Hifly Boards für den Katalog 2006.
Nach unseren Informationen war seine Spot-Wahl perfekt. Von Juni bis August versprechen die Windstatistiken 85 Prozent Gleitwind über vier Beaufort, die mittlere Wasser- und Lufttemperatur liegt bei 25 °C und die Sonne scheint ohne Unterlass. Obwohl die Vokabel „Scheinen“ kaum auszudrücken vermag, was die Sonne in Mauritius wirklich tut: Sie strahlt, sie leuchtet, sie lässt die grüne, üppige Natur der Insel in ungekannten Farben schimmern. Die Fotos der Reisekataloge versprachen uns türkisfarben schillerndes Wasser, einen tiefblauen Himmel und einen fast smaragdgrünen Regenwald, der die Hügel der Insel bedeckt. Die perfekte Kulisse also für einen Foto-Shoot, aber natürlich auch für einen unvergesslichen Windsurf- und Kite-Trip. Dass es sich für uns nicht um einen Urlaubstrip, sondern um einen Arbeitsurlaub handeln sollte, wurde uns allerdings schon beim Check-in in Frankfurt in Erinnerung gerufen. Über 500 Kilogramm Material wollten verladen werden und wir hatten fast ein schlechtes Gewissen, als der Pilot im Flieger die Durchsage machte: „Ladies and Gentlemen, wir entschuldigen uns für die Verspätung, die durch das Verladen von Surfmaterial entstanden ist, und begrüßen das Team Hifly an Bord.“
Nach zwölf Stunden Nachtflug landeten wir am International Airport von Mauritius mit dem leicht zu merkenden Namen „Plaisance-Sir Seewoosagur Ramgoolam“. Die warme, feuchte Luft roch nach Zuckerrohr und ein leichter Wind ließ die Palmen im Wind schaukeln. Zum Glück war Benoît, der Importeur von Hifly auf Mauritius, mit ein paar seiner Leute zur Stelle und half uns beim Transport des Materials. Wir hieften alles auf einen kleinen LKW und los ging es Richtung Spot. Benoît wählte alle möglichen kleinen Sträßchen, um uns schon auf dem Hinweg einen kleinen Eindruck von der Schönheit der Insel zu vermitteln. Und ganz nebenbei gab er uns auch noch eine kleine Zusammenfassung von der Geschichte Mauritius’, von Politik, Wirtschaft und Kultur. Benoît war eine bessere Informationsquelle als jedes Buch, was wir vor unserer Reise hätten lesen können. Er selber sei Nachkomme von belgischen Siedlern, die schon zur Zeit der Galionsschiffe auf die Insel gekommen waren, erzählte er uns. Und wie so viele waren auch seine Vorfahren von der Schönheit dieses kleinen Stück Landes so fasziniert, dass sie geblieben waren.
Mauritius, das zur Zeit der ersten Besiedlung durch die Holländer unbewohnt gewesen sein soll, ist im Laufe der Zeit zu einem kleinen, kulturellen Melting-Pot geworden. Denn den Holländern folgten die Franzosen, die wiederum 1810 von den Engländern abgelöst wurden, und erst 1968 wurde das kleine Land in die Unabhängigkeit entlassen. Den größten kulturellen Einfluss übten aber nicht die europäischen Siedler, sondern die von ihnen auf die Insel gebrachten Arbeiter aus: Inder, Chinesen und Afrikaner, die vor und nach Abschaffung der Sklaverei mehr oder weniger freiwillig auf die Insel gekommen waren, um auf den Zuckerrohrplantagen zu schuften oder um Geschäfte zu machen. 68 Prozent der Bevölkerung sind indischer Herkunft (davon 51 Prozent Hindus und 17 Prozent Muslime), gefolgt von den Kreolen (27 Prozent), Chinesen (3 Prozent) und Europäern (2 Prozent). Diese ethnische Vielfalt spiegelt sich sowohl in den oft wunderschönen Gesichtern der Einwohner wieder, als auch in den verschiedenen Sprachen und sogar in der Vielfalt der Gebäude. Moscheen stehen neben Hindu-Tempeln und Kirchen; die Leute auf der Straße sprechen kreolisch, französisch und sogar indisch und chinesisch. Niemand würde glauben, dass Englisch die Amtssprache ist.
Benoît erklärt uns auch, dass der bunte Straßenschmuck zur aktuellen Wahlkampagne gehört, dass die Häuser alle nur halb fertig gebaut sind, um Steuern zu sparen, dass viele Mauritier wegen steigender Lebenskosten und Verfall der Zuckerrohrpreise ins Ausland abwandern … Wie gesagt, nach anderthalb Stunden Fahrt, waren wir um einiges schlauer und kamen endlich am Spot an!
Der „Hauptspot“ der Insel (es gibt genau genommen auch nur diesen) liegt zu Füßen des Berges „Le Morne Brabat“ im Südwesten der Insel. Der westliche Teil des Strandes ist öffentlich, es folgt der Club Mistral und der Strand des Indian Resort Hotels, einer bescheidenen Viereinhalb-Sterne-Anlage, die unser Teamchef durch geschickte Verhandlungen dazu bewegt hatte, uns fast kostenfrei zu beherbergen. Wir bezogen schnell unsere Suiten, machten das Material fertig und schauten kurz beim Club Mistral vorbei, um uns über die aktuellen Bedingungen von Strömung, Gezeiten und Swell zu informieren.
Einige Surfer waren im türkis schillernden Wasser der Lagune unterwegs, die rundherum von Korallenriffen umschlossen ist. Wir versuchten auszumachen, wo denn die mystische Welle „One Eye“ bricht, die ihren Namen übrigens wegen einer Höhle im Berg „Le Morne Brabant“ trägt und vom Wasser aus wie ein Auge aussieht. Die schnelle, supercleane Welle, die auf ein kaum von Wasser bedecktes Korallenriff bricht, ist auf jeden Fall den Locals und Experten vorbehalten. Ich zählte mich weder zu den einen noch zu den anderen und war ganz froh, dass auch Andy und Flo mit Respekt von der Welle sprachen.
Aber der Wettergott wollte an diesem ersten Tag sowieso nicht, dass wir „One Eye“ surften. Der Swell kam aus S-SW statt S-SO, sodass die Channels, durch die man aus der Lagune kommt, zu waren. Wir beschränkten uns also auf eine Freestyle-Session in der Lagune. Flo und Andy zeigten ihr ganzes Repertoire: Chachos, Flacas, Grubbies, Spock 540 one-handed und andere Moves, die ich nicht so wirklich verstand – ich merkte, dass es noch viel zu lernen gab. Auf jeden Fall war es nicht unangenehm, den Spot erstmal langsam kennen zu lernen, da die Bedingungen doch nicht so ganz easy sind. Das Wasser in der Lagune ist an einigen Stellen bei Ebbe so flach, dass man kaum fahren kann, und vor allem die Strömungen in der Nähe der Channel sind unangenehm. Die Leute vom Club Mistral raten deshalb jedem Neuankömmling, sich täglich am Club über die Bedingungen zu informieren.
Abends nach der ersten Session und müde von der langen Reise schafften wir es gerade noch, das Buffet zu plündern und fielen erschöpft in unsere Betten. Der nächste Tag begann genauso paradiesisch wie der erste: „Welcome to the paradise of the Island Mauritius.“ Ich fühlte mich wie in einer Werbekampagne für ein besseres Leben. Leider kam der Swell immer noch aus der falschen Richtung und brach close-out auf das Riff, sodass wir wieder nicht in die Wellen konnten. Freeride stand auf dem Programm und obwohl wir alle uns eher beim Freestyle und in der Welle wohlfühlen, hatte das Freeriden in dieser unglaublichen Szenerie fast etwas Meditatives. Wenn dann noch ein Rochen unter eurem Brett durchgleitet oder ihr das Glück habt, Delfine zu sehen, kann das fast eine Wave-Session ersetzen.
Diesen Abend waren wir etwas fitter. Nachdem Flo seine zehn Gänge am Buffet geschafft hatte, gab es an der Hotelbar brasilianischen Samba und mauritische Tänzerinnen. Ich weiß nicht, was das größere Spektakel war: die Show oder Flo und Andy bei einer Art Bauchtanz …
Am folgenden Tag hatte der Swell endlich auf die richtige Richtung gedreht und wir konnten in die Welle. Für „One Eye“ war die Ebbe zu tief, deswegen entschieden wir uns für Manawa, das etwa zwei Kilometer draußen gelegene Riff. Der Swell war nicht sehr hoch und der Wind leider sehr schwach, doch für eine Wellenabreit-Session langte es. Die Sets kamen in sauberen Serien reingelaufen und wir waren ganz alleine auf der Welle. Leider wurde der Wind immer schwächer, sodass wir zusehen mussten, wieder gegen die Strömung an den Strand zu kommen. Ich war wirklich froh, dass man mir erst später von dem Meeresgraben hinter dem Manawa-Reef erzählte, der wohl die Wahlheimat einer ganzen Auswahl an Hai-Familien sein soll.
In den nächsten Tagen erwischten wir noch einmal einen besseren Tag in Manawa, mit medium Swell und 4.7er Segeln. Auch diesmal langte der Wind nicht für eine Jump-Session, dafür aber für gute Wellenritte, Aerials, Goiter und Co. Es war natürlich schade, dass wir keinen „richtigen“ Wave-Tag zum Jumpen erwischten, aber Wellenabreiten in den Wellen von Mauritius ist auch grandios. Und das auch ohne Segel: Mit zwei mauritischen Locals, Arnaud und Roger, gingen wir an ein paar Tagen vor dem Windsurfen wellenreiten. Die beiden Brüder haben eine Wellenreitschule in Tamarin und gehören zu den besten Ridern der Insel. Sie zeigten uns auf den Wellen von „One-Eye“, dass die neuen PP Wellenreiter von Hifly richtig radikal sein können. Meistens machten wir jedoch Freeride und Freestyle.
Da wir fast ständig auf dem Wasser waren, blieb leider auch wenig Zeit zum Sightseeing. Eine Schande bei einer so tollen Insel, aber wir waren ja zum Arbeiten da und nicht zum Urlaubmachen.
Wenigstens an einem Tag liehen wir für ein paar Stunden ein Auto und schauten uns die Orte an, die uns Felix und Jean-Marc vom Club Mistral als „must haves“ genannt hatten. Wir besuchten die Cascade Chamarel, die Gorges de la Rivière Noire und Grand Bassin, den heiligen See. Eine ganze Reihe hinduistischer Tempel ziert hier das Ufer und im Wasser finden sich überall Opfergaben: Essen, Räucherstäbchen, Bilder und Statuen, und zwar alle zerbrochen, so wie es anscheinend der Brauch will.
Letzten Endes gingen die Tage, auch wenn sie oft sehr anstrengend waren, wie im Flug vorbei. Auch wenn man es vielleicht nicht glauben mag, ein Foto-Shoot hat nichts mit freiem Fahren zu tun und ist wirkliche Arbeit! Und trotzdem waren wir wohl alle etwas traurig, als wir das kleine Paradies wieder verlassen mussten und unser Flugzeug vom Airport Richtung Deutschland startete.
Praktische Tipps :
Beste Windzeit : März bis Dezember mit einem Peak von Juni bis September
Beste Swellzeit: März bis Dezember
Durchschnittstemperatur : 25 °C Luft und Wasser. Etwas kühler von April bis Oktober und etwas wärmer in den anderen Monaten.
Spots :
Le Morne ist „The Spot“, im Südwesten der Insel gelegen; der Wind kommt O-SO (sideshore von links) und man fährt zunächst in einer ziemlich flachen Lagune. Nach etwa 600 Metern beginnt das Riff, das die Lagune fast rundherum einschließt. Am inneren Riff brechen kleine bis moderate Wellen, zwei Kilometer weiter draußen, am Manawa-Riff, wird es dann größer. Hier sollte man besser nicht alleine hinfahren. Auf der Westseite des Spots bricht die bekannteste Welle der Insel: „One Eye“. For experts only! Die Leute vom Club Mistral vor Ort empfehlen jedem Neuankömmling, sich erst einmal beim Club über die Conditions zu informieren. Sie kennen den Spot in- und auswendig und werden euch alle wichtigen Tipps geben. Die Bedingungen und Strömungen werden leicht unterschätzt und der Club hat das einzige Rettungsboot, also stellt euch gut mit ihnen. In der Lagune ist es eigentlich ungefährlich. Allerdings bleibt bei Ebbe oft wenig Wasser zwischen Finne und einigen Riff-Blöcken, die durch Bojen markiert sind. Für empfindliche Füße empfehlen sich Surfschuhe. Abgesehen davon langt ein Shorty (April bis Oktober) oder sogar die Boardshorts im Gepäck. Und dann sagte man uns noch, dass sonntags die Locals gerne alleine in ihren Wellen sind …Östlich neben d
em Indian Resort schließt sich der Anfänger-Kitespot an: eine kleine Lagune, in der das Wasser extrem flach ist. Die besseren Kiter fahren in der Lagune vor dem Club.Die folgenden Spo
ts werden der Vollständigkeit halber genannt und sind nur für Entdecker-Naturen interessant, die länger auf Mauritius bleiben; der Wind ist überall schwächer und eigentlich fährt niemand an diesen Spots. Also, bitte nicht alleine!
- Palmar: Freeride-Spot im Osten der Insel.
- Ile aux Cerfs: große Lagune, schön zum Lightwind-Kiten und Freeriden
- Souillac: funktioniert bei Ostwind. Riffwelle, viel Strömung und kein Rettungsboot!
- Tamarin: Wellenreitspot mit Schule; funktioniert bei N-NO auch mit dem Schirm oder zum Freeriden, mit Maxi 20 Knoten. Der Beach La Preneuse etwas weiter südlich ist ein guter Startpunkt für eine Downwind-Session bis nach Le Morne.
Wohnen:
- Indian Resort: Viereinhalb-Sterne-Hotel direkt am Beach. Sehr schön, viel Komfort. Das Budget ist vielleicht nicht für jeden etwas, obwohl das Resort sein Geld wert ist: vier Restaurants (französisch, indisch, italienisch, Buffet), Thalasso-Therapie, Pool, Fitness-Center, Tennisplätze etc. Infos beim Club Mistral.
- Pik Pik 1+2 : etwas günstigere Appartementanlage, etwa drei Kilometer vom Spot entfernt. Auch hier Garten, Schwimmbad, Tennisplätze, Grillmöglichkeiten etc. Möglichkeit, Fahrräder zu leihen, um ohne Mietwagen an den Beach zu kommen. Infos beim Club Mistral.
- Ropsen Appartements und Villas : Appartements ab 15 Euro die Nacht. Tel.: +230 255 55 46.
Ausgehen:
Restaurants: Es gibt eine große Auswahl für alle Budgets und Geschmäcker, allerdings nicht direkt am Spot, sondern Richtung Flic en Flac. Im Club Anna kann man für 25 Euro gediegen dinieren, andererseits findet man auch kleine, lokale Restaurants, wo man für drei Euro satt wird. Die Insel ist insgesamt nicht wirklich billig, aber wenn man bedenkt, dass das mittlere Einkommen bei 180 Euro liegt, ist klar, dass man auch wirklich günstig über die Runden kommen kann.
Bars/ Discos: Zum Ausgehen muss man nach Flic en Flac (ca. 20 Minuten von Le Morne entfernt). Richtig viel gibt es auch hier nicht, ganz brauchbar sind die Buddha Bar mit elektronischer Musik, der ziemlich touristische Club „Arena“ oder auch der Club „Summer Beach“. Hier seid ihr meist die einzigen Nicht-Locals; die Musik ist typisch kreolisch.
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